Zeitl. Einordnung
Wenn schon jede Weinschänke am Rhein ihr eigenes Liederheft hat, warum soll dann der Ratskeller an der Weser nicht wenigstens ein eigenes bescheidenes Lied haben?
Das Bremer Raths-Keller-Lied von Karl Tannen konnte als Ansichtskarte aller Welt von den Freuden des Wein-Trinkens in den Gewölben unter dem Rathaus künden. Allerdings musste man möglichst früh mit dem Singen des Liedes anfangen, denn das Kleingedruckte war nach ein paar Gläsern Wein wohl kaum noch zu entziffern. Und ob der vierstimmige Satz für gemischten Chor von der Karte zu singen war, mag bezweifelt werden. Über den Arrangeur Jul. Zech konnte ich nichts herausfinden, sein Name passt allerdings gut in die frohe Runde. Hingegen war der Verfasser des Textes, Karl Tannen, ein in Bremen und ganz Norddeutschland bekannter Schriftsteller und Verleger, der sich vor allem um die niederdeutsche Sprache Verdienste erworben hat. Sein bekanntestes Werk ist die Übertragung des Reinke Voß ins Niederdeutsche.
Text und Chorsatz:

1. Kein schön´rer Sonntag auf der Welt
als der im Rathsweinkeller!
Wer dort zur Predigt ein sich stellt,
dem wird´s im Geiste heller.
Kellermeister, her mit dem Wein vom Rhein!
Juche, juche, juche!
Kellermeister, her mit dem Wein
vom, mit dem Wein vom Rhein!
2. Die zwölf Apostel reden dort
Mit Geist von hohen Dingen.
Selbst Judas, der Ischarioth,
Weiß Gutes hervorzubringen.
Kellermeister, her …
3. Wie lauschet die Gemeinde still,
Wenn die Apostel reden!
Und diese Rede muß und will
Zu Herzen einem Jeden.
Kellermeister, her …
4. Verklingt von der Apostel Mund
Das Amen in der Runde,
Thut sich in der Versammlung kund
Der Segen dieser Stunde.
Kellermeister, her …
5. Der spricht als wär‘ von Neuem schier
Er eben erst geboren;
Und Jener hat den Adam hier,
Den alten gar verloren.
Kellermeister, her …
6. Und all‘ die Weiblein sind entzückt
Als wären sie im Himmel
Und schon der bösen Welt entrückt,
Des Jammerthals Getümmel.
Kellermeister, her …
7. Wo Jude, Heide, Türk‘ und Christ
In Liebe sich umfassen,
Wo Alles, Alles selig ist,
Wer könnte dort noch hassen ? !
Kellermeister, her …
8. Kein schön’rer Sonntag auf der Welt
Als in des Kellers Hallen.
Dort Nichts den klaren Geist entstellt
Wo Alle einzig wallen.
Kellermeister, her …
Illustrationen:


Lied-Postkarte
Verlag von Wilh. Scheller, Bremen
gedruckt bei Casten & Suhling, Bremen
gelaufen am 21.10.1897

Übrigens …
… ist der Bremer Ratskeller mit einer über 600-jährigen Geschichte deutschlandweit einer der ältesten Weinkeller. Auf einem Areal von über 5000 Quadratmetern lagern kostbare Weine. Der große Hauff-Saal, benannt nach dem Dichter der 1827 erschienenen Erzählung Phantasien im Bremer Ratskeller, hat eine akustische Besonderheit. Man kann selbst leise geführte Gespräche am anderen Ende des Saales deutlich hören, während in der Mitte nichts zu vernehmen ist. Deshalb wird dieses Gewölbe auch Echosaal genannt. Auf einer Postkarte aus dem Jahre 1905 ist der Saal abgebildet, dazu die Warnung: Beim Wein bewahre wohl dein Wort. Hier geht kein Laut verloren. Der Pfeiler führt´s zum Pfeiler fort. Die Wände haben Ohren.