Wo man singet, 1925

Wo man singet, laß dich ruhig nieder / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Musik von
bearbeitet von
Quelle
Deutschlands Liederschatz, 1925
Herkunft Region

Zeitl. Einordnung

1800 – 1900
Rubriken
Personen

Infos/Beschreibung

Das Lied beginnt mit folgenden Zeilen:

Wo man singet, laß dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet wird kein Mensch beraubt:
Bösewichter haben keine Lieder.

Daraus wurde später abgewandelt der Spruch Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.

Über der Liedfassung aus Deutschlands Liederschatz, Berlin-Halle 1925, S. 152, steht einfach nur Volksweise.

Die neun Strophen stammen aus einem Gedicht von Johann Gottfried Seume, vermutlich aus dem Jahre 1804. Vom Text her ist vorliegendes Lied identisch mit dem Lied Der Gesang, das im 2. Band Das Deutsche Volkslied auf S. 64 abgedruckt ist. Beide Fassungen unterscheiden sich in der Klavierbegleitung und in der Tonhöhe. Vorliegende Fassung steht in F-Dur und geht in der Singstimme bis zum zweigestrichenen f. Die andere Fassung steht in Es-Dur.

Der Text beschreibt in jeder Strophe ganz unterschiedliche Anlässe – von der Wiege bis zur Bahre – bei denen gesungen wird.

Wo man singt Alpenverein Titel
Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, Liederbuch der Alpenvereinsjugend

1. Wo man singet, laß dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet wird kein Mensch beraubt:
Bösewichter haben keine Lieder.

2. Mit Gesange weiht dem schönen Leben
Jede Mutter ihren Liebling ein,
Trägt ihn lächelnd durch den Maienhain,
Ihm das schönste Wiegenlied zu geben.

3. Mit Gesange eilet in dem Lenze
Rasch der Knabe von des Meisters Hand,
Und die Schwester flicht am Wiesenrand
Mit Gesang dem Gaukler Blumenkränze.

4. Mit Gesange spricht des Jünglings Liebe,
Was in Worten unaussprechlich war;
Und der Freundin Herz wird offenbar
Im Gesange, den kein Dichter schriebe.

5. Männer hangen an der Jungfrau Blicken;
Aber wenn ein himmlischer Gesang
Seelenvoll der Zauberin gelang,
Strömt aus ihrem Strahlenkreis Entzücken.

6. Mit dem Liede, das die Weisen sannen,
Sitzen Greise froh vor ihrer Tür,
Fürchten weder Bonzen noch Vezier [Wesir];
Vor dem Liede beben die Tyrannen.

7. Mit dem Liede greift der Mann zum Schwerte,
Wenn es Freiheit gilt und Fug und Recht,
Steht und trotzt dem eisernen Geschlecht,
Und begräbt sich dann im eignen Werte.

8. Wenn der Becher mit dem Traubenblute
Unter Rosen unsre Stunden kürzt
Und die Weisheit unsre Freuden würzt,
Macht ein Lied den Wein zum Göttergute.

9. Des Gesanges Seelenleitung bringet
Jede Last der Arbeit schneller heim,
Mächtig vorwärts jeder Tugend Keim:
Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet!

Das Seume-Gedicht ist mit „Die Gesänge“ überschrieben. Der Plural macht deutlich, dass Singen sehr vielfältige Funktionen haben kann. Das zeigen auch die folgenden Strophen, die nicht für die Liedfassung übernommen worden sind:

Wo man singt CDU Seimetz Titel
Wo man singt da laß dich nieder…, Liederbuch eines CDU-Abgeordneten

2. Wenn die Seele tief in Gram und Kummer,
Ohne Freunde, stumm, verlassen, liegt,
Weckt ein Ton, der sich elastisch wiegt,
Magisch sie aus ihrem Todesschlummer.

3. Wer sich nicht auf Melodienwogen
Von dem Trosse des Planeten hebt
Und hinüber zu den Geistern lebt,
Ist um seine Seligkeit betrogen.

4. Männer gibt es, die den Geist verhöhnen,
Sich hinab zu den Polypen ziehn;
Und dort stehn sie, wenn sie nicht entglühn
In des Seelenliedes Silbertönen.

5. Göttliche Begeisterer, Gesänge,
Weckt in euerm Labyrinthenlauf
Oft in mir mir meinen Himmel auf;
Gern verlier‘ ich dann mich in der Menge.

10. Orpheus alte Zauberlieder machten
Wilde milde; durch Amphions Laut
Wurden Kadmus Mauern aufgebaut;
Mit Gesang gewann Tyrtäus Schlachten.

14. Harmonie ist aller Welten Jugend;
Dem berauschten Weisheitsforscher heißt
Harmonie des Menschen hehrer Geist,
Harmonie dem Samier die Tugend.

15. Das Geheimniß, daß sie alle Geister
Mächtig fort auf ihren Schwingen trägt
Und in Gottes Schooße niederlegt,
Löset nur der große Weltenmeister.

16. Stürmend fliegt der Blick im hohen Liede
Durch der Orione Feuerbahn;
Sanfte Laute wehn uns lieblich an,
Und um unsre Stirne säuselt Friede.

18. Selbst die Rotte schrecklicher Dämonen,
Die im Sturme von dem Himmel fiel,
Glaubet bey der Hölle Saitenspiel,
Fromm getäuscht, noch in dem Licht zu wohnen.

19. Männer des Gesanges, eure Seelen
Ziehn den Himmel oft zu uns herab:
Wer, wem Gott nicht seinen Funken gab,
Kann den Segen eurer Schöpfung zählen.

20. Höher wird des Urgeists Macht und Ehre,
Die den Welten ihre Bahnen schmückt,
In dem Endlichen nicht ausgedrückt,
Als in euerm Harmonienmeere.

21. Männer, nehmt den Dank, den ihr erworben,
Für die Seligkeiten, die ihr schuft:
Wen nicht ihr zu seiner Würde ruft,
Ist für alle Tugenden erstorben.

22. Lieder spielen, wie mit Wachs, mit Herzen;
Rührt der Sänger nur den rechten Ton,
Schnell ist alle Seelenangst entflohn,
Schweigen Stürme und entschlummern Schmerzen.

23. Lieder sind in jener Strahlenwohnung,
Wo der Blick ins Empyreum taucht
Und das Licht der Geister Leben haucht,
Der verklärten Heiligen Belohnung.

24. Wenn die Sprache stirbt von meinem Munde
Und der Schauer mein Gebein durchläuft,
Und mit Eisenarm der Tod mich greift;
Singt ein Lied zu meiner schönen Stunde!

25. Mit geprüfter Seelenweisheit haben
Unsre Väter längst für uns gedacht,
Lassen mit Gesang zur guten Nacht
Für den bessern Morgen uns begraben.

26. Täuscht uns nicht ein Ton aus jenen Chören,
Werden wir dann unter Sphärentanz
Mit dem Lichtblick durch die Sonnen ganz
Dort den großen Musageten hören.

Den Spruch Wo man singt, da lass dich ruhig nieder findet man auch in der Anzeigenwerbung und als Titel von zahlreichen Liederbüchern in verschiedenen Varianten.