Hand aufs Herz: Wer besitzt noch ein oder gar mehrere Liederbücher? Wann haben Sie zum letzten Mal ein Liederbuch in der Hand gehabt, wann daraus auch gesungen?

Junge Menschen kennen Liederbücher vielleicht noch als Bilderbücher aus ihrer Kita-Zeit oder vom Singen mit Eltern und Großeltern. In vielen Haushalten sind vermutlich gar keine Liederbücher mehr zu finden. Wann das irgendwo noch herumliegende alte Gesangbuch der Oma irgendwann im Altpapier landet, ist nur eine Frage der Zeit.
Es gibt nur noch wenige Orte, an denen Menschen aus gedruckten Vorlagen (Liederbücher oder kopierte Einzelblätter) miteinander singen, z. B. in Schulen, bei einigen Jugendgruppen, in Kirchengemeinden und natürlich auch in der lebendigen Chorszene. Hingegen kommen Massengesänge bei Festivals oder in den Fankurven der Stadien ganz ohne Liederbücher aus.
Sollte in geselligen Runden doch mal gemeinsam gesungen werden, sind die Melodien meist bekannt. Das Problem sind die Texte. Funktioniert die erste Strophe noch holprig, braucht man für weitere Strophen eine Vorlage. Die Lösung ist dann aber nicht mehr das gute alte Liederbuch, sondern man hat den Text schneller auf dem Display des Handys, als dass man ihn im Inhaltsverzeichnis eines Liederbuchs nachschlagen kann. Beim sogenannten Rudelsingen, das immer mehr in Mode kommt, werden die Texte auf eine große Leinwand projiziert.
Es mehren sich die Anzeichen, dass das gedruckte und gebundene Liederbuch zu den bedrohten Kulturgütern gehört. Wie man die Entwicklung bewertet, bleibt jedem selbst überlassen. Unbestritten dürfte sein, dass mit dem Verschwinden der Liederbücher auch ein Stück wichtiger Kulturgeschichte verloren geht.
Im Laufe von mehr als einem halben Jahrhundert haben sich bei mir hunderte von Liederbüchern angesammelt. Deshalb ist es passender, von einer Liederbuch-Ansammlung zu sprechen, Liederbuch-Sammlung wäre zu hoch gegriffen.
Der Begriff Liederbücher wird hier der Einfachheit halber auch für Liederhefte und Liedersammlungen, reine Liedtext-Bände, Gesangbücher, Songbooks, Broschüren mit Liedern, Chor-Partituren usw. verwendet.

Die meisten dieser Liederbücher sind hauptsächlich unter kulturgeschichtlichen Aspekten von Interesse. Ich habe sie irgendwann auf Flohmärkten oder in Antiquariaten erworben. Auf der einen Seite war ich immer auf der Suche nach brauchbaren Liedern für die Schule. Andererseits machten mich gerade die älteren Ausgaben neugierig, die fast ausschließlich Lieder enthielten, die man heute eher nicht mehr singen würde.
Oft waren es nur Details, die mein Interesse weckten: eine besondere Aufmachung, ein bemerkenswertes Vorwort eines Herausgebers, eine ungewöhnliche Zusammenstellung und Einteilung der Lieder, Zusatzinformationen zu Liedern und Personen im Anhang oder die politisch-ideologische Ausrichtung des Werkes. Waren die Preise moderat, dann kam es schon mal vor, dass ich das Büchlein kaufte, weil mich nur eine einzige Melodie- oder Textvariante eines Liedes interessierte, die ich beim Durchblättern entdeckt hatte.
So wuchs die Liederbuch-Ansammlung unkontrolliert und wurde provisorisch in Kisten und Regallücken untergebracht.
Dagegen waren die Liederhefte und -bücher für den praktischen Gebrauch stets in Reichweite und leicht zugänglich. Das waren zu meiner Zeit als Musiklehrer Liederbücher und Songbooks mit Liedern für die Schule, aber auch für das private Singen mit Freunden und Verwandten. Es handelte sich in der Regel um aktuelle Ausgaben ab Ende der 1960er-Jahre.
In Folge der Schüler- und Studentenbewegung erschienen in den 70er-/80-Jahren zahlreiche Liedzusammenstellungen von politischen (Teils heftig zerstrittenen) Gruppen, die als Broschüren vertrieben wurden. Einige dieser Ausgaben sind als Zeitdokumente höchst interessant.

In lockerer Folge werden hier einzelne Exemplare der Liederbücher vorgestellt. Einige sind vollständig digitalisiert, allerdings nur wenige – wegen des hohen Aufwandes.
In der Regel werden neben der Ansicht des Titels je nach Möglichkeit auch die Titelei mit den üblichen bibliografischen Angaben, Inhaltsverzeichnisse und Vorworte dokumentiert. Zusätzlich werden ausgewählte Einzelseiten mit Liedbeispielen gezeigt. Gibt es zu einzelnen Liedern eines Liederbuchs ausführlichere Kommentare, dann sind diese Einzellieder unter dem Menüpunkt „Lieder & Sätze“ zu finden.
Die Kommentartexte zu den Liederbüchern folgen keiner Systematik. Sie können ganz unterschiedliche Schwerpunkte haben oder sich nur auf wenige ausgewählte Aspekte beziehen.
Die Auswahl der vorgestellten Liederbücher ist unsystematisch und folgt keinem roten Faden. Weitere Liederbücher werden nach und nach folgen.
Die Reihenfolge der Präsentation ist alphabetisch nach Titeln geordnet. Das kann dazu führen, dass z. B. auf eine Ausgabe mit Sechs Altniederländischen Volksliedern (um 1893) der Titel Seid bereit – Liederbuch der Thälmann-Pioniere (1971) folgt, die inhaltlich nichts gemein haben.
Eine Einordnung von Liederbüchern ist ein schwieriges und leider auch aussichtsloses Unterfangen.

Die Zuordnung nach Autoren funktioniert bei Liederbüchern nicht, da sie in der Regel Lieder zahlreicher unterschiedlicher Urheber enthalten. Titel, die sich einer einzigen Person zuordnen lassen, bilden die Ausnahme (z. B. das Klaus-Groth Liederbuch oder eine Sammlung mit Bellmann-Liedern). Häufig – so bei vielen Volksliedern – ist nicht bekannt, wer Text und Melodie verfasst hat. Eine Ordnung nach Herausgebern wäre möglich, diese gibt es aber nur bei wenigen Liederbüchern.
Eine Anordnung nach Erscheinungsjahr wäre sinnvoll. In vielen Fällen findet man bei Liederbüchern dazu aber keine Angaben. Manche Titel erschienen über Jahrzehnte in immer neuen veränderten Auflagen. Soll man sich an dem ersten Erscheinen oder an dem Jahr der Neuauflage orientieren? Für beides gäbe es gute Gründe.
Werden Liederbücher nach Liedgattungen eingeteilt, mag das vordergründig in einigen Fällen gelingen. Es gibt Sammlungen mit ausschließlich Shantys, Spirituals, Nationalhymnen, Geburtstagsliedern, Weihnachtsliedern oder Wiegenliedern. In diesen Fällen wäre das möglich. Aber die meisten Liederbücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie viele Gattungen beinhalten. Ein Oberbegriff Volkslied hilft auch nicht weiter, denn darunter kann alles subsumiert werden: Liebeslieder, Jahreszeitenlieder, Scherzlieder usw. Allein die Frage nach der Definition von Volkslied ist ein Endlosthema der Wissenschaft. Definiert man Volkslied im Sinne Herders? Was ist ein echtes, was ein unechtes Volkslied? Wo verläuft die Grenze zwischen einem Volkslied und einem volkstümlichen Lied? Kann ein Kunstlied zu einem Volkslied werden?

Geht man von der Funktion der Lieder aus, kommt man ebenfalls schnell in Schwierigkeiten, weil Lieder selten nur eine einzige, eindeutig definierte Funktion haben. Relativ klar sind Lieder zuzuordnen, die zu bestimmten Anlässen gesungen werden. Ein Geburtstagslied wird nicht bei einem Begräbnis gesungen. Aber eine Sammlung mit Liedern zur Hochzeit kann durchaus auch Liebes- oder Trinklieder enthalten.
Viele Lieder haben eine identitätsstiftende Funktion für bestimmte Gruppen. Bei Kinder-, Studenten-, Frauen-, Soldaten- oder Handwerker-Liederbüchern ist eine Gruppenzuordnung vordergründig plausibel. In jedem der genannten Liederbücher können aber z. B. Wander- oder Heimatlieder enthalten sein. Das macht sie aber nicht gleichzeitig zu Wander- oder Heimatliederbüchern.
Warum soll eine Klassifizierung von Liederbüchern gelingen, wenn das schon bei Liedern nicht gelingen mag?
Erk/Böhme haben sich 1893 im Deutschen Liederhort, dem dreibändigen Standardwerk der Volksliedforschung, für eine inhaltliche Zusammengehörigkeit entschieden. Sie unterscheiden 15 Liedgruppen. Boehme schreibt selbst resigniert zu seiner Einteilung: Sämtliche Volkslieder habe ich in folgende Abtheilungen gebracht, wobei nicht verschwiegen sei, daß viele Volkslieder einer strengen Klassifizierung widerstreben und manche in zwei oder drei Fächer sich einreihen ließen.
Trösten wir uns und bleiben wir bei der Präsentation alphabetisch nach Titeln. Nicht schön, aber eindeutig.

Einzelne gedruckte Liederblätter und Liederbücher gibt es – grob überschlagen – seit ungefähr fünfhundert Jahren. Voraussetzung war die Erfindung des Notendrucks mit beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert. Ab dem 16. Jahrhundert kamen die ersten gedruckten weltlichen Liedersammlungen und die ersten christlichen Gesangbücher heraus. Aber die mündliche Verbreitung von Liedern war weiterhin die Regel, abgesehen von manchen handschriftlich festgehalten Liedern.
Im Zuge der Aufklärung und mit dem Erstarken des Bürgertums rückte das Volkslied (im Sinne von Johann Gottfried Herder) in den Mittelpunkt von Liedersammlungen. Liederbücher wurden erst im 19. Jahrhundert zum wichtigsten Medium für die Verbreitung von Liedern und Chorsätzen. Volkslieder waren auch schwerpunktmäßig in den Liederbüchern zu finden, die für bestimmte gesellschaftliche Gruppen erstellt wurden. So gab es für bestimmte Berufe, Handwerker, Turner, Studenten usw. eigene Liederbücher. Kritische und oppositionelle Lieder wurden eher nur mündlich oder auf Flugblättern verbreitet.
Mit den ersten Liedertafeln zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Carl Friedrich Zelter, 1808) und dem sich rasant entwickelnden Männerchorwesen stieg die Nachfrage nach gedrucktem Notenmaterial, insbesondere von Volksliedern und patriotischen Gesängen. Frauen spielten dabei nur in den Gesängen der Männer eine Rolle.

Mit Gesang werden immer auch bestimmte Moralvorstellungen und politisch-gesellschaftliche Einstellungen transportiert und verinnerlicht. Gemeinschaftliches Singen mobilisiert wie eh und je tiefe Emotionen und ist oft wirkungsvoller als Texte oder politische Manifeste.
War seit den Napoleonischen Kriegen der hohe Anteil von vaterländisch-patriotischen Gesängen schon auffällig, so wurde mit dem Deutschen Kaiserreich der Ton in den Liederbüchern zunehmend chauvinistischer. Kriegsverherrlichende Lieder schürten die Kriegsbegeisterung bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Selbst Kinderlieder-Sammlungen und Schulliederbücher propagierten den Heldentod als erstrebenswertes Ziel.
Auch die nach dem Wiener Kongress gegründeten Burschenschaften pflegten neben Trinkliedern den vaterländischen Gesang und benötigten dazu ein Liederbuch. Das Allgemeine Deutschen Kommersbuch kann als der erste echte Liederbuch-Bestseller bezeichnet werden. Die Erstausgabe erschien 1858. Der Kreis von sangesfreudigen Akademikern und trinkfesten Verbindungsstudenten sicherte den Absatz von 150 Auflagen [!] bis ins Jahr 1933. Dann wurden die Verbindungen von den Nazis verboten und durch den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ersetzt – mit einem eigenen neuen Liederbuch.

Welchen weitreichenden gesellschaftlichen Einfluss ein einziges Liederbuch haben kann, zeigt Der Zupfgeigenhansl. Die erste Auflage mit dem bieder klingenden Titel erschien fünf Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses Liederbuch stand für eine bürgerliche Jugendbewegung mit antibürgerlichen Zügen: raus aus den Städten, hin zur Natur – und immer mit Gesang zu Laute oder Gitarre. Das Gedanken- und Liedgut der Wandervögel hat nachfolgende Generationen bis in die 1960er-Jahre nachhaltig beeinflusst.
Nach dem Weltkrieg war in der ersten deutschen Republik in den Liederbüchern von Erneuerung und gesellschaftlich-politischem Wandel erstaunlicherweise nur wenig zu spüren. Zwar hatte der Kaiser das Land verlassen müssen, aber der Geist der Kaiserzeit war in vaterländischem Liedgut immer noch präsent. Explizit republikanische Liedersammlungen konnten in der Weimarer Zeit kaum entstehen, dazu war die Spanne vermutlich zu kurz. Da das Medium Liederbuch per se schwerfällig und selten aktuell ist, spiegelte sich der Zeitgeist der Zwanziger eher in Gassenhauern, Revuenummern und schnelllebigen Schlagern. Diese tauchten nur höchst selten in Liederbüchern auf. Volksliedparodien mit aktuellen politischen Anspielungen wurden in der Regel mündlich weitergegeben oder auf Einzelblättern verbreitet.
In Bezug auf politische Aktualität bildeten die Liederbücher der Kontrahenten vom linken und rechten Lager eine Ausnahme. Musik spielte bei den Aufmärschen und den Kontroversen auf den Straßen immer eine wichtige Rolle. Die politische Kontroverse fand ihren Niederschlag auch in speziellen Liederbüchern.

Ab 1933 vollzog sich in Liederbüchern die Ausrichtung auf die Ideologie der neuen Machthaber in rasantem Tempo. Jetzt gaben die Nazis vor, was politisch korrekt zu sein hatte. Vorhandene Liedersammlungen wurden neu aufgelegt, teilweise nur um einige stramm nationalsozialistische Lieder, wie das Horst-Wessel-Lied, ergänzt. Eilfertige Herausgeber beschworen in Vorbemerkungen die neue Zeit mit ihren großen Aufgaben. Nach und nach erhielten Partei-Gliederungen und staatliche Organisationen eigene Liederbücher, aus denen auch eifrig gesungen wurde. Bis Kriegsbeginn war dieser Prozess der Gleichschaltung weitgehend abgeschlossen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war – wie schon nach dem Ersten Weltkrieg – nach kurzem Innehalten keine besonders einschneidende Zäsur erkennbar. Nazi-Liederbücher durften nicht mehr benutzt werden. Oft wurden bei den in den Haushalten vorhandenen Exemplaren einfach nur die Seiten mit Hakenkreuz-Symbolen herausgerissen oder Hinweise auf NS-Urheber geschwärzt. Neue Ausgaben erschienen ohne die offensichtlichen Nazi-Lieder, ein alter Stamm von Volks-, Heimat- und Wanderliedern blieb erhalten. Auch einzelne Lieder von Autoren, die aktiv für die Nazi-Propaganda gearbeitet hatten, tauchten wieder in neu herausgegebenen Liedersammlungen auf – ob beabsichtigt oder unwissentlich, sei dahingestellt.

Vollkommen unverständlich ist, warum gerade nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gleich in mehreren Liederbüchern das Motto ausgegeben wurde „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Das ist in diesem historischen Kontext naiv und eine Verhöhnung der Opfer.
Bei einigen Liederbuch-Ausgaben der Nachkriegszeit fällt der neue Stellenwert fremdsprachiger Lieder auf. In den Westzonen kamen sogar Liederhefte mit ausschließlich englischen oder französischen Liedern heraus. Bei internationalen Begegnungen, die der Völkerverständigung und dem friedlichen Miteinander dienen sollten, spielte das gemeinsame Singen eine wichtige Rolle – in Ost wie in West.
Mit Gründung der DDR und der Bundesrepublik und dem Beginn des Kalten Krieges entwickelten sich die Inhalte der Liederbücher recht unterschiedlich.

In der Bundesrepublik war es in den 50er- und 60er-Jahren ein kleines Lieder-Textheft, welches das Singen der Jugend nachhaltig beeinflusst hat. Die Mundorgel war preiswert und handlich, enthielt jugendbewegte und christliche Lieder und war immer zur Hand bei Klassenfahrten, Jugendgruppen-Treffs und beim Singen am Lagerfeuer. Die aktuelle Entwicklung der Rock- und Popmusik blieb allerdings weitgehend ausgeklammert.
Das änderte sich mit den ersten Heften der Reihe Student für Europa (Liederkiste, Liederkarren usw.). Das Spektrum wurde erweitert um Protestsongs, Liedermacher-Titel, politische Lieder der 1848-Zeit und der 1920er-Jahre, populäre Rock- und Popsongs, internationale Folklore und Schlager. Weltweite Protestbewegungen, insbesondere gegen den Vietnamkrieg, und bedeutende Festivals brachten zahlreiche neue Lieder und Songs mit neuen Botschaften hervor. Neben dem Liederbuch stand nun das Songbook.

Auch zahlreiche politische Gruppierungen, die nach der 68er-Studentenbewegung entstanden, untermauerten ihren Kampf für eine bessere Gesellschaft mit eigenen Liederheften, allerdings oft nur mit den alten Kampfliedern aus dem Repertoire der revolutionären Arbeiterklasse. Hingegen setzten Bürgerbewegungen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung oder die Friedensbewegung in ihren Liederheften und Flugblättern stärker auf eigene neue, spontane Liedinhalte. Wer sich mit der Geschichte dieser Protestbewegungen beschäftigt, stößt zwangsläufig auf Lied-Quellen, die manchmal mehr über die Bewegungen sagen als weitschweifige politischen Analysetexte.
Ab den 1970er-Jahren kam sehr zaghaft auch in das Liederangebot für Schulen Bewegung. Die Vorgaben der Kultusministerien für Schulbücher waren konservativ und einseitig auf alte deutsche Volkslieder ausgerichtet. Da die Verlage bei der Genehmigung von den Ministerien abhängig waren, riskierten sie keine Experimente. Als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass auch Rock- und Popmusik zur Musikkultur gehören, gab es eine weitere urheberrechtliche Hürde zu überwinden: die immens hohen Lizenzgebühren für bestimmte Songs.
Anders verlief die Liederbuch-Geschichte in der DDR. Von Anfang an waren die Liederbücher auf eine politisch korrekte Linie ausgerichtet, die von der SED vorgegeben wurde. Mit der Gründung der Organisationen für Kinder und Jugendliche (noch vor Gründung der DDR) gab es auch spezielle Liederbücher für Pioniere und die Freie deutsche Jugend (FDJ).

Für die Schulen wurde zentral genau festgelegt, wann welche Lieder gesungen und im Unterricht behandelt werden mussten. Auch in anderen Liederbuch-Ausgaben für bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Organisationen tauchten neben alten Volksliedern immer wieder Lieder auf, die den Aufbruch in die neue Zeit und die sozialistische Zukunft zum Thema machten. Welche Funktion Liederbücher zu erfüllen hatten, bringt der Titel eines Liederbuchs aus dem Jahre 1963 programmatisch auf den Punkt: Unser Lied dem neuen Leben.
Die Liedentwicklung in der DDR war eng verknüpft mit den ab 1970 jährlich veranstalteten Festivals des politischen Liedes und den Weltfestspielen der Jugend und Studenten für den Frieden, die 1951 und 1973 in Berlin stattfanden. Zu den Großveranstaltungen erschienen zahlreiche Lied-Publikationen. Die ersten Weltfestspiele in der DDR waren 1951 noch geprägt von dem Kult um Stalin und dem beginnenden Kalten Krieg.

Der Einfluss der FDJ auf die Singebewegung (so der offizielle Name ab 1967) war von Anfang an gegeben. Mit dem Hootenanny-Klub, dem späteren Oktoberklub, wurde 1966 der erste Singeklub gegründet, was eine Welle weiterer Klubgründungen auslöste. Ihren Höhepunkt erreichte die Singebewegung 1973 mit den X. Weltfestspielen der Jugend – auch Woodstock des Ostens genannt.
Mit den Friedensbewegungen im Westen wie im Osten Deutschlands entstanden in den 1980er-Jahren auch neue Liederbücher und -hefte, allerdings mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten.
Ob und wie sich die deutsche Vereinigung auch in Lied-Editionen niedergeschlagen hat, ist mir nicht bekannt. Vielleicht traut sich ein Verlag irgendwann an ein gesamtdeutsches Liederbuch-Projekt. Dass es dazu kommt, ist allerdings wenig wahrscheinlich, da es wohl kaum Nachfrage gibt. Das Bedürfnis nach gemeinsamem Gesang scheint sich in Grenzen zu halten. Wenn kein Markt vorhanden ist, dann wird es dieses Liederbuch-Projekt nicht geben, denn die kommerzielle Seite ist ausschlaggebend. Das hat man sehr deutlich bei den sogenannten Wiedervereinigungs-Songs gesehen. Einundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall zog der Spiegel (6.11.2010) Bilanz:
Einigkeit und Recht und Umsatz: Im Glückstaumel des Mauerfalls verdienten sich Westmusiker von den Scorpions bis Neil Young mit Wendehymnen goldene Nasen. Unbekannter blieben dagegen die Wendesongs der DDR-Bands, obwohl die oft viel explosiver waren.
Unabhängig von der Entwicklung in Deutschland, ob in Ost oder West, kann festgestellt werden, dass sich mit der Rock- und Popmusik ab Mitte des 20. Jahrhunderts fundamentale Veränderungen des Musikangebots und der Musikrezeption vollzogen. Musikentwicklungen und Trends wurden immer globaler. Musik wurde durch die Weiterentwicklung der Medien zu einem jederzeit verfügbaren Gut, was letztlich zu einer immer stärkeren Kommerzialisierung von Musik führte. Inwiefern diese Entwicklungen das eigene Singen befeuert oder behindert haben, ist schwer zu sagen. In Liederbuch-Ausgaben scheinen sich die Entwicklungen nur bedingt widerzuspiegeln.
Der Bedarf an Vorlagen für gemeinsames Singen ist auch heute und in absehbarer Zukunft gegeben. Ob allerdings in Form von gedruckten Liederbüchern oder in anderen Formaten, das wird sich zeigen.
Bei den hier vorgestellten Exemplaren handelt es sich nur um einen kleinen Teil der gesamten Ansammlung. Sollte es eine Bibliothek, ein Archiv oder eine sonstige Institution geben, die meine Liederbücher kostenlos übernehmen möchten, kann mit mir Kontakt aufgenommen werden.
Ich verfolge damit keine kommerziellen Absichten, erwarte allerdings, dass die Bücher künftig öffentlich einsehbar sind (analog oder digital) und nicht in irgendeiner Form vermarktet werden.