Der Leierkastenmann, 1917

Volkslieder der Gegenwart gesammelt und hier zum erstenmal veröffentlicht von Klabund
Mit 10 kolorierten ganzseitigen Holzschnitten von Szafranski / Vierte Auflage
Autoren/ Hg.
Verlag
Ort
Jahr
1917
Format
Rücken 15 – 18,5 cm
Rubriken

Infos/Kommentar

Hinter dem Pseudonym Klabund verbirgt sich der Schriftsteller Alfred Henschke. 1890 geboren, gehörte er zu den Schriftstellern, die zunächst den Ersten Weltkrieg begeistert begrüßt haben, deren patriotischer Enthusiasmus dann aber im Laufe des Krieges immer stärker ins Wanken geriet.  Bei einigen schlug das sogar in einen überzeugten Pazifismus um. Bei Klabund führte die Wandlung sogar dazu, dass er sich ein Verfahren wegen Majestätsbeleidigung einhandelte, weil er 1917 in einem offenen Brief Kaiser Wilhelm II. zum Thronverzicht aufgefordert hatte (Neue Zürcher Zeitung, 3. Juni 1917). [1]

Ein halbes Jahr später schrieb der Worpsweder Künstler Heinrich Vogeler einen weiteren offenen Brief an den Kaiser. [2] Die Folge war die Einweisung in eine Bremer „Irrenanstalt“.

Die Veröffentlichung der Volkslieder der Gegenwart fällt ins Kriegsjahr 1917. Der Band enthält 27 Texte aus dem Munde des Volkes gesammelt. Gedruckt wurde der Band in der Hof-Buch-und-Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar. Er enthält 10 ganzseitige kolorierte Holzschnitte von Kurt Szafranski.

Der Zeichner, Illustrator, Grafiker, Plakatmaler und Redakteur Szafranski war eine schillernde Persönlichkeit. Er hatte sich bereits 1912 als 22-Jähriger mit den Illustrationen zu dem Tucholsky-Band Rheinsberg einen Namen gemacht. In den 1920er Jahren hat er durch seine Tätigkeit bei der Berliner Illustrirten Zeitung (BIZ) die Gestaltung illustrierter Blätter maßgeblich beeinflusst. Mit der Zerschlagung des Ullstein Verlages verlor er auch seine Arbeit als Geschäftsführer der BIZ. Der Jude Szafranski emigrierte in die USA, wo er u. a. eine der bedeutendsten Bildagenturen aufbaute.

______________________________
[1] Klabund spricht in seinem offenen Brief den Kaiser direkt an. U.a. schreibt er:
Geben Sie auf den Glauben an ein Gottesgnadentum und wandeln Sie menschlich unter Menschen. Legen Sie ab den Purpur der Einzigkeit und hüllen Sie sich in den Mantel der Vielheit: der Bruderliebe. Errichten Sie das wahre Volkskönigtum der Hohenzollern. Machen Sie sich frei von den Ahnen; frei von dem Wahne, als könnten Sie sich auf eine kleine kapitalistisch-junkerliche Sippe, die Beamtentum und oberes Offizierskorps aus sich »rekrutiert«, stützen, die paukend und trompetend den Schmerzensschrei des Volkes übertönt.“ (zit. nach Zeno.org)

[2] Vogeler eröffnet seinen Friedensbrief vom 20.1.1918 mit einem drastischen Bild: Gott, ein trauriger alter Mann, verteilt zu Weihnachten Flugblätter mit der christlichen Friedensbotschaft. Dafür wird Gott wegen Landesverrats standrechtlich erschossen.

„Schon lang, als das Jahr 1917 dem Ende zuging, sah man in Deutschland überall die seltsamsten Erscheinungen am Himmel und unter den Menschen. Das Merkwürdige aber war, dass am Spätnachmittag des 24. Dezember auf dem Potsdamer Platz von vielen Menschen der liebe Gott gesehen worden ist. Ein alter trauriger Mann verteilte Flugblätter. Oben stand: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, und darunter in lapidarer Schrift die zehn Gebote. Der Mann wurde von den Schutzleuten aufgegriffen, vom Oberkommando der Marken wegen Landesverrat standrechtlich erschossen. Einige Aufnehmer des Flugblattes, die die Worte des alten Mannes verteidigten, kamen ins Irrenhaus.
Gott war tot.“
(Der vollständige Text ist auf der Webseite der Heinrich-Vogeler-Gesellschaft, Verein Barkenhoff Worpswede nachzulesen.)