Der Zupfgeigenhansl, 10. Aufl., 1913

Herausgegeben von Hans Breuer unter Mitwirkung vieler Wandervögel
10. Auflage 1913
Autoren/ Hg.
weitere Personen
Ort
Jahr
1913
Format
Rücken 15 – 18,5 cm

Infos/Kommentar

Die legendäre Liedersammlung Der Zupfgeigenhansl zählt zu den einflussreichsten Liederbüchern des 20. Jahrhunderts. Die erste Auflage erschien 1909, die hier vorliegende 10. Auflage 1913. Die Entwicklung war so rasant, dass zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bereits über eine halbe Million Exemplare verkauft waren. Der Herausgeber Hans Breuer, einer der wichtigsten Vertreter der Wandervogelbewegung, bekam den überwältigenden Erfolg des „Zupf“ nicht mehr mit. Er war im April 1918, kurz vor seinem 35. Geburtstag, in Verdun unter einem Sanitätsunterstand verschüttet worden.

Breuer hatte sich 1899 dem Wandervogel in Berlin angeschlossen. Er sammelte zusammen mit anderen Wandervögeln Volkslieder und Volkstänze. Im Vorwort zur 10. Auflage nennt er als Unterstützer die Namen Balser, Dahmer, Jahnke, Schottky, Köhler und meine liebe Braut, deren Namen [Elisabeth Riegler] er allerdings verschweigt.

Vorangestellt sind dem Band die Vorworte zur 1. Auflage (1908) und zur 10. Auflage (1913). Beides zusammen bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Gedankenwelt der Wandervogelbewegung und erklärt auch die Liedauswahl.
Was der Zeit getrotzt, das muß einfach gut sein. Nur Gutes, kein Allerweltskram, um keinen Fingerbreit gewichen dem herrschenden Ungeschmack, das war unser redliches Bemühen, als wir an das Sichten des Liederstoffes gingen.

Da ist vom Niedergang der schaffenden Volkspoesie die Rede und vom klassischen Volkslied, das so definiert wird:
Es ist das Lied des ganzen, in sich noch geschlossenen Menschen, jenes starken Menschen, der alle Entwicklungsformen und -möglichkeiten – in nuce wohl – noch in sich trug, der nur recht von Herzen zu singen brauchte, um den ganzen Volke Herzenskünder zu werden.
(…)
Und kein Neutöner wird jenen allumfassenden Ton in seiner Brust mehr finden, der an das große Ganze klingt, der es mitreißt zu einem mächtigen, einstimmigen Liede.
(…)

Der Zupfgeigenhansl Illu Pfeiffer
Illustration von Hermann Pfeiffer

Breuer spricht pathetisch von der Sehnsucht nach jenem ganzen, harmonischen Menschentume, an anderer Stelle vom neuzeitlichen Mensch, und er bemüht immer wieder Natur-Vergleiche:
Jugend ist Frühling, und wir Wandervögel sind Jugend. Das ist im Gleichnis die knospende Erde, wenn der Lenzwind weht …
(…)
So soll es sein: Frühling zu Frühling, und Völkerfrühling zu Jugendfrühling und Wandervogel zu Volkslied!

Zum Spiel der Zupfgeige und dem Chorgesang wird gleich mit der 1. Auflage die Richtung vorgegeben:
Nur nicht zuviel in den Saiten herumgekratzt, hier ein weicher Mollakkord angeschlagen und dort eine fragende Septime, das gibt deinem Vortrage Leben. Und dann noch eins: bitte möglichst wenig Chorgebrüll!

Die Kapitelüberschriften lauten:

  • Abschied
  • Minnedienst
  • Liebesklage
  • Balladen
  • Geistliche Lieder
  • Am Abend
  • Freude
  • Sommerlust
  • Auf der Landstraße
  • Auf Schiffen und Rollwägen
  • Spinnstube
  • Soldatenlieder
  • Schlemmerlieder
  • Beim Bauer
  • Tanz
  • Schnurren

Der Band ist dem Maler Hermann Pfeiffer zugeeignet, der mit seinen scherenschnittartigen Illustrationen auch zum Erfolg des Liederbuchs beigetragen hat. Er war mit Breuer eng befreundet und hatte wichtige Arbeiten bei der technischen Herstellung der Liederbücher übernommen. Pfeiffer, geboren 1883 (im gleichen Jahr wie auch Breuer) war ebenfalls überzeugter Wandervogel. Sein Titel-Wandervogel mit Zupfgeige hatte fast schon den Charakter eines Logos, das über Jahrzehnte bei den zahlreichen Auflagen als Markenzeichen beibehalten wurde.

Übrigens …
… fand ich in diesem Exemplar des Zupfgeigenhansl zwei interessante kleine Zettel. Der eine Zettel ist eine Probeseite aus dem Kilometerstein im Miniformat von 8 x 14 cm mit einem Liederpotpourri. Dieses Potpourri zeigt, wie man verschiedene Kehrreime miteinander verbinden kann.
Der zweite Zettel mit der Überschrift 1000 Takte frohe Laune ist eine Ankündigung eines heiteren Konzerts für den 10.1.1942. Angesprochen werden die Einwohner von Wilsdruff und Umgebung, Veranstalter ist die NSDAP-Ortsgruppe Wilsdruff.

PDF
– Innentitel von Herman Pfeiffer
– Vorworte zur 1. und 10. Auflage
– Auswahlseiten