Zeitl. Einordnung

Heiliges Lied!
Heiliges Lied, im deutschen Volk einst erwacht,
Immer noch klingt deiner Schönheit berauschende Macht!
Tausend von Jahren lebt Deutschlands Seele in dir,
Heiliges Lied, o segne uns für und für!
Alles, was deutsch ist, gibst in Tönen du kund,
Heldengebeten bist du erhabener Mund,
Kindergestammel umwebst du mit rührendem Klang,
Hügel und Grüfte umfriedet dein Schwanengesang!
Sehnenden Seelen in funkelnder Sternennacht
Hast du Erlösung und Offenbarung gebracht,
Und wenn der Maien durchzieht das blühende Land,
Schlingst du um selige Menschen ein klingendes Band!
Niederes Wesen bezwingt deine siegende Kraft,
Stählst unsre Herzen, wenn sie im Alltag erschlafft;
Liebe zur Heimat ist deine köstliche Saat,
Treue dem Bruder in freudiger, selbstloser Tat!
Göttliche Gabe, o bleib uns Gnade und Licht,
Daß unser Schicksal an deinem Walten zerbricht!
Hoffnungsbeflügelt erbrause Alldeutschlands Chor!
Aus seinen Klängen steig Deutschlands Freiheit empor!

Ein Heiliges Lied! – und das auch noch mit Ausrufezeichen. Diese Hymne auf das Lied ist dem Festführer zum 9. Deutschen Sänger-Bundesfest als Motto vorangestellt. Mit dem Gedicht fasst Erich Langer all die Floskeln zusammen, die den Geist der bürgerlichen deutschen Sangesbewegung widerspiegeln.
Da ist die Rede von der deutschen Seele, dem deutschen Volk und Alldeutschland, von Tausend Jahren Tradition, von Heldengebeten und Schwanengesang, von Erlösung und Offenbarung, von Heimatliebe und Brudertreue. Das Singen wird zum sakralen Akt hochgestuft. Und am Ende wird Hoffnung verbreitet: Erbraust erst der alldeutsche Chor, dann gibt es für Deutschland wieder Hoffnung auf Freiheit, eine Anspielung auf die Folgen des Ersten Weltkriegs und Versailles.
Erich Langer (1882-1932) hat zahlreiche ähnliche Gedichte und Texte verfasst. Mit 21 Jahren erhielt er eine Lehrerstelle in Leutewitz bei Leipzig. An der dortigen Volksschule unterrichtete er fast 25 Jahre lang bis 1927.
Langer war auch als Dichter und Organisator von Sänger(bundes)-Festen tätig. Er organisierte u. a. als Vorsitzender des Festausschusses das 1. Sächsische Sängerbundes-Fest in Dresden (20.-23.6.1925). In der von ihm herausgegebenen Festschrift war er mit zahlreichen eigenen Beiträgen vertreten.