Auf den Spuren des Volksliedes. Sprachliche und musikalische Betrachtungen als Beiträge zu einer Wesensschau (Kleine Volksliedkunde) von Walther Hensel, Bärenreiter-Verlag Kassel-Leipzig-Basel 1944
Walther Hensel, 1887 in Mährisch Trübau als Josef Janiczek geboren, gilt als einer der exponiertesten Vertreter der Jugendmusikbewegung. Das bezieht sich in erster Linie auf seine herausgehobene Rolle bei den sogenannten Singwochen. Darüber hinaus ist Hensel als Sammler von Liedern und Herausgeber von Liederheften und Liederbüchern einer der aktivsten Vertreter gewesen – vielleicht vergleichbar mit dem Zupfgeigenhansl-Herausgeber Hans Breuer, der aber bereits 1918 im Alter von 34 Jahren bei Verdun gefallen ist. Die dritte Säule von Hensels Bedeutung für die Jugendmusikbewegung sind seine Publikationen zum Singen und zur Volksliedforschung.

Von der 1961 gegründeten Walther-Hensel-Gesellschaft wird die Schrift Die kleine Volksliedkunde. Auf den Spuren des Volksliedes als das wichtigste Werk Hensels bezeichnet (Text von Dr. Hans Klein). Einzelne Kapitel der Schrift sind in den Rundbriefen 61 bis 67 der Walther-Hensel-Gesellschaft nachzulesen. Warum das Vorwort unvollständig wiedergegeben ist, wird deutlich, wenn man die gekürzte Fassung mit dem kompletten Text vergleicht.
So fehlen zum Beispiel folgende Passagen:
Man muß wissen (und weiß es auch), daß mir – nach der nationalsozialistischen Grundforderung – des Volkes Wohl zeitlebens oberste Richtschnur ist!
Daß den musikalischen Rassenfragen kein besonderes Kapitel gewidmet ist, hat den gleichen Grund: auch hier muß die Tatsache festgehalten werden, daß meine gesamte Lebensarbeit ja niemals einem anderen Lied gegolten hat als einem solchen, dem auch vom biologisch-rassischen Standpunkt das Attribut der Reinheit und Echtheit zuerkannt werden muß! In meiner Volksliedkunde ist also die deutsche Rassenkunde gleichsam „subsumiert“. (Hervorhebungen sind im Originaltext gesperrt gedruckt.)
Zum Vergleich hier die gekürzte Fassung der Walther-Hensel-Gesellschaft, Rundbrief 61, Dezember 2016
und gesamte Vorwort im Original.
Diese Aussagen Hensels sind eindeutig und gründen auf tiefer Überzeugung. Er selbst charakterisiert sein gesamtes bisheriges Wirken. Echtheit und Reinheit des deutschen Volkslieds auf Grundlage eines biologisch-rassischen Standpunkts verschafft die Legitimation, Wesensfremdes durch ein urbildliches Wesen zu ersetzten. Das Menschenbild passt nahtlos in eine völkisch-nationalistisch geprägte Ideologie. Kaum ein Absatz, bei dem von Hensel nicht Wertungen und Abwertungen ausgesprochen werden. Und immer wieder werden einzelne Sätze und das Ende vieler Absätze mit Ausrufungszeichen hervorgehoben. Hensel macht keinen Hehl aus seinem missionarischen Eifer und seinen volkserzieherischen Motiven.
Die Schrift endet mit einem Bekenntnis zum neuen Deutschland:
Noch besser aber wußten wir im Sudetenland, worum es ging: um nichts mehr und nichts weniger als um ein neues Deutschland! Durch unsere nationalen Kampfverbände hatten wir bereits vorher ausreichende Kunde von den Gefahren, die dem Bestand unseres Volkstums – schon im alten, morschen Österreich, um wieviel mehr erst in dem Tschechenstaat von Wilsons Gnaden! – drohten, und willig reihten auch wir uns ein in die große Bewegung – in der Hauptsache mit einem zwar andersartig scheinenden, aber in Wirklichkeit ureigensten, aus der Vorzeit unseres Volkes überkommenen Liedgut als scharf geschliffene Waffe:
dem deutschen Volkslied unserer Heimat!
So blieben uns denn manche Entgleisungen erspart. Auch ist damit uns selbst wie auch den Brüdern im Reich allmählich offenbar geworden, welch hohe Werte gerade in den Volksüberlieferungen, die auch ihrerseits dazu bestimmt sind, wieder „heimzukehren in das Reich“, von wo sie ausgegangen sind! (S. 100)
Bei der Kritik an Walther Hensel wird immer wieder auf seine Vertonungen von Texten von NS-Dichtern hingewiesen. Sein Lied Dem Führer beginnt mit den Zeilen: So gelte denn wieder Urväter Sitte: Es steigt der Führer aus Volkes Mitte. Und es endet:
Herzog des Reiches, wie wir es meinen, bist Du schon lange im Herzen der Deinen. Die Entscheidung des Bärenreiter-Verlags, dieses Lied 1935 auch als Liedpostkarte zu drucken, macht den Verleger Karl Vötterle nicht besonders glaubwürdig, wenn er nach dem Krieg immer wieder Hensels innere Distanz zu den Nationalsozialisten bezeugt hat. Dass Hensel sich negativ und abwertend zu einzelnen Liedern der Bewegung, insbesondere zum Horst-Wessel-Lied, geäußert haben soll, dafür gibt es mehrere Zeugen. Hensel ging es allerdings weniger um die Inhalte als um die musikalischen und textlichen Qualitäten.
Das kann aber nicht Hensels Bekenntnisse im Vorwort der kleinen Volksliedkunde zu biologisch-rassischen Echtheit und Reinheit relativieren. Hat man davon nichts gewusst, als man in Göppingen eine Grundschule nach Hensel benannt hat? Die Walther-Hensel-Gesellschaft wusste mit Sicherheit, warum sie das Vorwort nur gekürzt veröffentlicht hat.
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