Zeitl. Einordnung
Bei Marseillaise fällt mir immer eine beeindruckende Szene aus Casablanca ein, dem Film-Klassiker aus dem Jahre 1942. Als deutsche Offiziere in Rick´s Café dreist Die Wacht am Rhein (1) anstimmen, lässt man sie nur kurz gewähren. Dann beginnt die Band mit Ricks stillschweigendem Einverständnis die Marseillaise zu spielen und immer mehr Gäste fallen singend ein. Es entwickelt sich eine gespenstische Gesangs-Schlacht, aus der die Marseillaise als Sieger hervorgeht.
Wenn man die Marseillaise hört, denkt man sofort an Frankreich. Sie zählt zu den bekanntesten Nationalhymnen überhaupt. Allerdings weiß hierzulande kaum jemand, was da eigentlich gesungen wird. Es gibt unterschiedliche deutsche Texte, die sich mal mehr und mal weniger streng an das französische Original halten.
Beispiel 1 (nah am Original):
Auf, auf Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhmes, der ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben. (2 x)
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie kommen bis in eure Arme,
Eure Söhne, eure Gefährtinnen zu erwürgen!
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Formt eure Schlachtreihen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt!
Beispiel 2 (Übersetzung von Ernst Friedrich):
Auf, auf, ihr Söhne unsrer Lande!
Der Tag des Ruhmes brach herein,
die Fahne der Tyrannenbande
erhob man gegen unsre Reih´n. (2 x)
Hört auf den Feldern ihr die Horden,
Söldnerscharen brüllten wild?
Sie stürmen gegen unsern Schild,
den Bruder, deinen Sohn zu morden!
Refrain:
Drum zu den Waffen eilt,
auf Bürger kämpfet gut,
auf, auf zum Kampf den Boden
tränkt mit gift´gen Feindesblut!
Ganz gleich, welche Fassung man nimmt, die Ausdrucksweise bleibt martialisch und teilweise blutrünstig.
Vieles, aber nicht alles, lässt sich aus dem historischen Umfeld der Französischen Revolution erklären. Ursprünglich handelte es sich um ein Kriegslied der Rheinarmee (Chant de guerre pour l’armée du Rhin), das eine Freiwilligen-Armee im Kampf gegen Österreich unterstützen sollte. Der Kampf gegen Tyrannei wird in der ersten Strophe angesprochen. Doch wie ist der Text … marschieren wir, marschieren wir! Bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt! zu verstehen? Angeblich soll mit dem unreinen Blut nicht das der zu vernichtenden Feinde gemeint sein, sondern es bezog sich auf den dritten Stand, der nicht zum Adel mit dem feineren Blut gehörte. Das würde bedeuten, dass man den eigenen Tod auf dem Schlachtfeld in Kauf genommen hat.
Inwieweit der Kontext und die historischen Feinheiten adäquat vermittelt werden können, bleibt offen.
Es hat immer wieder Zweifel an der Autorenschaft des Rouget de Lisle gegeben. Dass er den Text der Marseillaise verfasst hat, gilt heute als sicher. Nicht so sicher ist man sich in der Frage, ob auch die Melodie von ihm stammt. Neben Rouget de Lisle werden immer mal wieder weitere Namen ins Spiel gebracht, z. B. Ignaz Pleyel, der später als Musikunternehmer berühmt wurde, der Geiger und Komponist Giovanni Battista Viotti und noch einige andere.
Unter den namhaften Komponisten, die sich mit der Marseillaise befasst und diese in Kompositionen eingearbeitet haben, ist François-Joseph Gossec einer der ersten gewesen. Er war ein viel beschäftigter, hoch angesehener Musiker, der mit der Französische Revolution sympathisierte. Sein Werk L’Offrande à la Liberté (Opfergabe an die Freiheit) entstand bereits 1792.
HB
– Szene aus Casablanca: Die Wacht am Rhein gegen die Marseillaise
– Feierlichkeiten zum 14. Juli 2000
– Das französische Parlament singt die Nationalhymne (ohne Instrumentalbegleitung)
– François-Joseph Gossec: L’Offrande à la Liberté, die Marseillaise setzt bei 3:55 ein
Siehe auch Ausgaben mit verschiedenen Titelblättern unter Sammlung Notetitel.
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(1) Ursprünglich wollte man die deutschen Offiziere das Horst-Wessel-Lied singen lassen, was aber wohl aus urheberrechtlichen [!] Gründen unterlassen wurde. Die Wacht am Rhein hatte im 19. Jahrhundert eine Funktion wie eine zweite Nationalhymne.