Lagerlied Dachau, 1938

Stacheldraht, mit Tod geladen ist um unsre Welt gespannt.
Musik von
Text von
bearbeitet von
Quelle
Lieder aus faschistischen Konzentrationslagern, S. 94 ff.
Herkunft Region

Zeitl. Einordnung

1933 – 1945
Personen

Infos/Beschreibung

Stacheldraht, mit Tod geladen,
ist um unsre Welt gespannt.
Drauf ein Himmel ohne Gnaden
sendet Frost und Sonnenbrand.
Fern von uns sind alle Freuden,
fern die Heimat und die Fraun,
wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengraun.
     Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt
     und wir wurden stahlhart dabei:
     Bleib ein Mensch, Kamerad,
     Sei ein Mann, Kamerad,
     mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad,
     denn Arbeit, Arbeit macht frei!

Vor der Mündung der Gewehre
leben wir bei Tag und Nacht.
Leben wird uns hier zur Lehre,
schwerer, als wir’s je gedacht.
Keiner mehr zählt Tag‘ und Wochen,
mancher schon die Jahre nicht,
und gar viele sind zerbrochen
und verloren ihr Gesicht.
     Und wir haben die Losung …

Schlepp den Stein und zieh den Wagen,
keine Last sei dir zu schwer.
Der du warst in fernen Tagen,
bist du heut schon längst nicht mehr.
Stich den Spaten in die Erde,
grab dein Mitleid tief hinein,
und im eignen Schweiße werde
selber du zu Stahl und Stein.
     Und wir haben die Losung …

Einst wird die Sirene künden:
Auf, zum letzten Zählappell!
Draußen dann, wo wir uns finden,
bist du, Kamerad, zur Stell.
Hell wird uns die Freiheit lachen,
Vorwärts geht´s mit frischem Mut.
und die Arbeit, die wir machen,
diese Arbeit, die wird gut.
     Denn wir haben die Losung …

Die zynische Losung über dem KZ-Tor von Dachau lautete: Arbeit macht frei. Der Autor Jura Soyfer entgegnet dieser Verhöhnung der Häftlinge: Und wir haben die Losung von Dachau gelernt und wir wurden stahlhart dabei: Bleib ein Mensch, Kamerad, sei ein Mann, Kamerad, mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad, denn Arbeit, Arbeit macht frei!

Kaum ein Lagerlied bringt den Kampfes- und Überlebenswillen mit der Aufforderung, Mensch zu bleiben, so klar und eindrücklich zum Ausdruck wie das Dachau-Lied. Dies war bei den offiziellen Lagerliedern auch gar nicht möglich, da musste versteckt formuliert werden. Damit der Soyfer-Text nicht den KZ-Wächtern in die Hände fallen konnte, wurde er nicht schriftlich festgehalten. Er wurde auswendig gelernt und nur mündlich weitergegeben. Gleiches gilt für die Melodie von Herbert Zipper.

Als Jura Soyfer 1938, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich verhaftet wurde, war er erst 26 Jahre alt. Er wurde nach Dachau deportiert und im September 1938 ins KZ Buchenwald gebracht. Seine Familie erreichte sogar noch seine Freilassung, um in die USA auszuwandern. Soyfer war aber bereits todkrank, da er sich als Leichenträger in Buchenwald mit Typhus angesteckt hatte. Er starb im Februar 1939 im Alter von 26 Jahren.

Der Komponist des Dachau-Liedes, Herbert Zipper, der mit Soyfer in Dachau und auch in Buchenwald war, überlebte die Nazi-Zeit. Er konnte 1939 aus Buchenwald freigekauft werden, ging ins Ausland. Nach mehreren Stationen landete er 1946 in den USA.

Das Dachau-Lied gelangte auf irgendwelchen Kanälen nach England, wo es während des Krieges vom Chor der deutschen Emigranten, als Zeugnis des antifaschistischen Widerstandskampfes in Deutschland, sehr oft öffentlich aufgeführt wurde (Musik in faschistischen Konzentrationslagern, S. 96).

Video
Podcast Markus Keul – Die Kraft der Musik: Dachaulied