Zeitl. Einordnung

Aus dem Schubert-Lied Der Lindenbaum wurde später in der Silcher-Fassung das populäre Volkslied Am Brunnen vor dem Tore.
Unter der Flut von Liederkarten zum Lindenbaum (bzw. Am Brunnen vor dem Tore) fällt eine Serie besonders auf. Die komplette Folge besteht aus sechs Ansichtskarten mit den Nummern 1617/1 bis 1617/6. Eine Verlagsangabe gibt es nicht. Pro Karte ist eine halbe Strophe des Liedes abgedruckt. Und sechsmal posiert eine junge Frau mit Eimern vor einem Brunnen. Lediglich der Brunnen schafft eine Verbindung zum Lied, ansonsten ist ein Zusammenhang zu den Textausschnitten ist nicht erkennbar.
Das Besondere an den vorliegenden sechs Ansichtskarten ist, dass sie alle vom selben Absender aus Gloggnitz im April 1910 im Abstand von einigen Tagen verschickt wurden – immer an die selbe Adressatin: das Wohlgebor[ene] Fräulein Pepperl Samwald in Weissenbach.
Bild 1:
Am Brunnen vor dem Tore
da steht ein Lindenbaum.
Ich träumt’ in seinem Schatten
so manchen süßen Traum.
Bild 2:
Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort.
Es zog in Freud und Leide
zu ihm mich immer fort.
Bild 3:
Ich musst’ auch heute wandern
vorbei in tiefer Nacht,
da hab’ ich noch im Dunkeln
die Augen zugemacht.
Bild 4:
Und seine Zweige rauschten,
als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
hier find´st Du Deine Ruh!
Bild 5:
Die kalten Winde bliesen
mir grad ins Angesicht,
der Hut flog mir vom Kopfe,
ich wendete mich nicht.
Bild 6:
Nun bin ich manche Stunde
Entfernt von jenem Ort,
Und immer hör ich’s rauschen:
Du fändest Ruhe dort!