Barkenhoff-Abendlied, 1926

Hinterm Weyerberg scheint der Mond hervor
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Die Trommel 1926
Herkunft Region

Zeitl. Einordnung

1918 – 1933
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Aspekte

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Worpswede Nov 2016 Mond

Hinterm Weyerberg scheint der Mond hervor
und der Nebel steigt aus dem Teufelsmoor.
Wieder ist ein Tag vollbracht
und nun heißt es Gute Nacht.
Wieder ist ein Tag vollbracht
und nun heißt es Gute Nacht.
Gute Nacht.

Mütterlein zu Hause, vier Treppen hoch
an der Nähmaschine sitzt sie noch.
Hat an mich den ganzen Tag gedacht,
Mütterlein, jetzt Gute Nacht.
Hat an mich den ganzen Tag gedacht,
Mütterlein, jetzt Gute Nacht.
Gute Nacht.

Hinter Mauern und Eisengitter schwer
geht ein Vater ruhlos hin und her.
Und er denkt, was wohl sein Kindchen macht,
und er wünscht ihm eine Gute Nacht.
Und er denkt, was wohl sein Kindchen macht,
und er wünscht ihm eine Gute Nacht.
Gute Nacht.

Doch die Arbeit, die hat niemals Ruh,
und die Hämmer dröhnen immerzu.
In Fabrik, in Werk und Schacht
wächst die Freiheit über Nacht!
In Fabrik, in Werk und Schacht
wächst die Freiheit über Nacht!
Über Nacht.

Der Verfasser des Barkenhoff-Abendliedes, Helmut Schinkel, gehört zu den Opfern des Stalinismus. Als überzeugter Kommunist ging er 1929 als KPD-Funktionär nach Moskau. Als er und seine Frau 1936 die sowjetische Staatsbürgerschaft annahmen, sah er sich schon der Kritik gewisser offizieller Parteikreise ausgesetzt. Ein Jahr später wurde er vom Geheimdienst NKWD im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ verhaftet. Man brachte ihn in ein Lager. Völlig entkräftet starb er 1946 im Alter von 41 Jahren.

Schinkel, Jahrgang 1902, kam aus der Wandervogelbewegung und hatte schon in frühen Jahren Kontakt mit der Kommunistischen Jugend. Er wurde Lehrer und vertrat die Ideen der Reformpädagogik. Seine erste Lehrerstelle konnte er nicht lange ausüben. 1924 wurde er wegen seines öffentlichen Eintretens für den Kommunismus aus dem Schuldienst entlassen. Ab August 1924 arbeitete er für 17 Monate am Barkenhoff in Worpswede.

Der Barkenhoff war von Heinrich Vogeler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Mittelpunkt der Künstlerkolonie Worpswede entwickelt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg sorgte die Barkenhoff-Kommune mit ihrer Arbeitsschule für heftige Anfeindungen. Seine Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft hatte Vogeler 1919 mit dem kommunistischen Manifest „Das neue Leben“ und mit zahlreichen publizistischen Beiträgen theoretisch untermauert. 1921 erschien seine Schrift „Die Arbeitsschule“, die er als Aufbauzelle zu einer klassenlosen menschlichen Gesellschaft verstand.

Schon nach wenigen Jahren war das Schulexperiment gescheitert. Als am 17. Juli 1925 der eigens für die Arbeitsschule gegründete Verein seine Auflösung beschloss, war der Barkenhoff bereits in den Besitz der Roten Hilfe übergegangen. Vogeler gehörte zu den Mitbegründern dieser der KPD nahestehenden Hilfsorganisation, die u.a. mit Kinderheimen bedürftige Kinder unterstützte, deren Eltern aus politischen Gründen in Gefängnissen saßen oder bei politischen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen waren.

An dem Auflösungsbeschluss des Arbeitsschul-Vereins und den Anfängen des Barkenhoff-Kinderheims der Roten Hilfe war Helmut Schinkel aktiv beteiligt. Vogeler hingegen war nicht anwesend. Er hatte zwar maßgeblich die Übernahme seines Besitzes durch die Rote Hilfe in die Wege geleitet, aber seitdem war er nur noch als seltener Gast auf dem Barkenhoff.

Das Barkenhoff-Abendlied hat Schinkel vermutlich 1925 für die Kinder geschrieben, die sich nach ihren Eltern gesehnt haben. Obwohl es ihnen im Kinderheim gut ging, hatten sie besonders abends, wenn sie in den Betten lagen, starkes Heimweh. Dem versuchte Schinkel ein wenig mit dem Lied entgegenzuwirken, „eine Art proletarisches Der Mond ist aufgegangen“ (David Erlay).

Nach ärztlichen Berichten hatte sich der Zustand der Kinder nach vier bis sechs Wochen beim Verlassen des Kinderheims erheblich gebessert, physisch als auch psychisch. (1)

Am Barkenhoff August 2018
Am Barkenhoff, August 2018

Das Barkenhoff-Abendlied wurde 1926 in der KPD-Kinderzeitschrift Die Trommel veröffentlicht, bei der Schinkel als Redakteur mitwirkte. 1960 erschien in der DDR eine Melodiefassung, die sich rhythmisch vom Original unterschied. (2) Als Urheber der Weise werden die Brüder Helmut und Erich Schinkel angegeben. Unter dem Lied im Kommentar heißt es:
Kurz nach der Errichtung des Heimes [Kinderheim Barkenhoff] … wurde das Lied von den Brüdern Schinkel – Helmut arbeitete dort als Lehrer – zur Gitarre geschaffen. Auch außerhalb des Kinderheimes ist es von den Pionieren gern gesungen worden. (3)

Anscheinend wurde das Lied auch in Kreisen außerhalb des Barkenhoffs in Worpswede gesungen. Einen Hinweis liefert zumindest Moritz Rinke in seinem Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Dort erinnert sich der aus Berlin nach Worpswede zurückgekehrte Paul Wendland in der ersten Nacht im alten Elternhaus: Dann hörte er dem Regen zu, wie er gegen die Fensterscheiben prasselte. „Hinterm Weyerberg scheint der Mond hervor / Und der Nebel steigt aus dem Teufelsmoor“, das hatte seine Großmutter abends für ihn gesungen. (4)

PDF
DDR-Fassung von 1960

HB
Barkenhoff-Abendlied, frühe DDR-Aufnahme mit einem Chor der Thälmann-Pioniere 
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(1) Vgl. David Erlay: Vogeler. Ein Maler und seine Zeit, Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 1981, S. 224
(2) Deutsche Akademie der Künste zu Berlin, Sektion Musik, Abteilung Arbeiterlied (Hg.): Das Lied im Kampf geboren, Heft 6. Lieder der Arbeiterkinder, VEB Friedrich Hofmeister, Leipzig 1960, S. 18
(3) a.a.o, S. 19
(4) Rinke, Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, Köln 2010, S. 108