Zeitl. Einordnung
Dicht bei Hamburg liegt ein Lager,
hinter Stacheldraht verbannt.
Dreimal tausend deutsche Männer
Konzentrationäre sie genannt.
Unser Banner ist der Spaten,
„Teure Heimat“ Feldgeschrei.
Keine Träne, stets den Kopf hoch,
Konzentrationär, auch du wirst frei!
Worte froh hat uns geschmiedet,
zäher Wille ist erwacht,
denn die Jahre, die vergangen,
haben hart und eisern uns gemacht.
Früh am Morgen geht´s zur Arbeit,
ob nach Klinker oder Elb´;
Dreck, Morast und Schlamm und Kohldampf –
doch das Lied bleibt Tag für Tag dasselb´.
Hört ihr nicht den Ruf der Heimat
beim Appell die Namen schrei´n?
Leuchtend kommt auch euch die Freiheit,
Mütter, eure Söhne kehren heim!
Kommentar zum Neuengamme-Lied im Liederbuch Lieder aus den faschistischen Konzentrationslagern:
Dieses Lied, das die Zustände im KZ Neuengamme bei Hamburg schildert, entstand 1943/44, als über das Lager wegen Ausbruch von Fleckfieber Quarantäne verhängt wurde. Das Lied musste auf Anordnung des Lagerkommandanten von allen Häftlingen gesungen werden und wurde verständlicherweise schnell populär. Es erklang auf dem Marsch zur Arbeit und beim Auszug von zwangsrekrutierten Häftlingen aus dem Lager im November 1944 zum militärischen Dienst in der SS-Formation „Dirlewanger“. Die im Text erwähnten „Elb“ und „Klinker“ waren Arbeitskommandos (Elbearbeitskommandos und eine von den Häftlingen erbaute Ziegelei) Der dritte Vers bezieht sich auf den Morgenappell , wenn die Namen der Kameraden aufgerufen wurden, die zu entlausen waren. (Lieder aus den faschistischen Konzentrationslagern, S.113)
In der ersten Strophe ist von dreimal tausend deutschen Männern im Lager Neuengamme die Rede. Es ist fraglich, ob das Lied wirklich erst 1943 entstanden ist. Denn nur anfangs waren in Neuengamme die deutschen Häftlinge noch in der Mehrheit. Das änderte sich ab 1941 mit der Besetzung weiterer Gebiete im Osten. Auf der Homepage der Gedenkstätte Neuengamme gibt es dazu folgende Angaben:
Ab 1941 kam die Mehrheit der Häftlinge im KZ Neuengamme aus den von Deutschland besetzten Gebieten. 1941/42 bildeten die polnischen, ab 1942/43 die sowjetischen Häftlinge die größte Gruppe im Lager. Insgesamt betrug der Anteil der ausländischen Häftlinge im KZ Neuengamme über 90 Prozent. Mehr als die Hälfte von ihnen kam aus Ost- und Mittelosteuropa, große Gruppen kamen aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Dänemark.
Von wem der Text des Neuengamme-Liedes stammt, ist nicht bekannt. Es ist zu singen auf die Weise des populären Soldatenliedes Fern bei Sedan, das sich auf die Schlacht bei Sedan (1./2.9.1870) zu Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs bezieht. Das Lied handelt von einem sterbenden Soldaten, der seinen Kameraden bittet, ihm den Ring vom Finger zu nehmen und diesen seiner Braut in der fernen Heimat zu übergeben.
Fern bei Sedan auf den Höhen,
Steht ein Krieger auf der Wacht,
Neben seinem Kameraden,
Den die Kugel tödlich traf.
Leise flüstern seine Lippen,
Du, mein Freund kehrst wieder heim,
Siehst die teure Heimat wieder,
Kehrst in unsrem Dörflein ein.