Zeitl. Einordnung

Leise flehen meine Lieder
durch die Nacht zu Dir;
in den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm‘ zu mir!
Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
in des Mondes Licht;
des Verräters feindlich Lauschen
fürchte, Holde, nicht.
Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen Dich,
mit der Töne süßen Klagen
flehen sie für mich.
Sie verstehn des Busens Sehnen,
kennen Liebesschmerz,
rühren mit den Silbertönen
jedes weiche Herz.
Laß auch Dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr‘ ich Dir entgegen;
Komm‘, beglücke mich!
Das Ständchen aus Schubert Liedzyklus Schwanengesang (Text: Ludwig Rellstab) gehörte im 19. Jahrhundert zu den großen Hits der Salonmusik – ob als Einzelausgabe für unterschiedliche Stimmlagen, mit Original- oder vereinfachter Begleitung oder als Bearbeitung für alle möglichen Besetzungen. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert tönte es überall: Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir. Von Richard Tauber gibt es eine Aufnahme vom Ständchen, bei der er sich selbst am Klavier begleitet. Man könnte meinen, da sitzt Schubert am Flügel. Leider ist dieses Video nicht mehr öffentlich verfügbar.
Der Komponist Schubert hatte es nicht nur den Roman-Autoren und Operetten-Librettisten angetan (Dreimäderlhaus), auch als Filmheld musste er alle möglichen Klischees bedienen: arm und unglücklich, in Frauen verliebt, die sich über ihn lustig machen, um Anerkennung ringend, aber immer wieder verächtlich von oben herab behandelt – alles mit einer sentimental-biedermeierlichen Zuckerschicht überzogen. Der Film Leise flehen meine Lieder (Regie: Willi Forst) kam 1933 heraus. Seitdem weiß die Nachwelt, warum die Unvollendete unvollendet geblieben ist.
Interessant ist das Spektrum unterschiedlicher bildlicher Darstellungen, die es zu dem Lied gibt.
Da ist zum einen das Cover der niederländischen Notenausgabe (siehe oben) aus dem Verlag Cor B. Smit´s Muziekhandel, Amsterdam. Das Notenblatt ist nicht datiert, es könnte Ende der 1930er-/Anfang der 1940-Jahre herausgekommen sein. Man blickt in eine einsame Nacht mit See und Mondsichel. Sollen das etwa die flüsternd rauschenden schlanken Wipfel in des Mondes Licht sein? Die Ausstrahlung ist fast ein wenig unheimlich – und das nicht nur aufgrund der Farbgebung und der billigen Aufmachung.
Unter den Postkarten-Motiven zu dem Lied gibt es auch einzelne, die die Zeilen Leise flehen meine Lieder ironisch auf die Schippe nehmen.
HB
Ständchen, Aufnahme mit Thomas Quasthoff und Justus Zeyen
PDF
Noten der Ausgabe aus dem Verlag Cor B. Smit´s Muziekhandel, Amsterdam.



