Zeitl. Einordnung

Diese Notenausgabe des Liedes Wo die Nordseewellen spülen an den Strand ist nicht datiert, vermutlich ist sie um 1936 erschienen.
Der Titel lautet:
Friesenlied
auf den friesischen Inseln bekannt als
Insellied
mit hoch- und niederdeutschem Text.
Für dreistimmigen Jugend- und Frauenchor
oder Solo mit Klavierbegleitung.
Als Text-Autorin wird Martha Müller-Grählert angegeben, darunter steht der Zusatz: Text für die Nordsee bearbeitet Fischer-Friesenhausen.
Erschienen ist die Ausgabe im Friesen-Verlag Soltau und Leipzig.
Zu den Hintergründen:
Von allen Wellen, die irgendwo in der Welt an den Strand spülen, sind die Nordseewellen wohl die bekanntesten. Das beliebte Lied, das sogar in Weinschänken am Rhein zum Schunkeln animiert, wurde immer wieder an alle möglichen regionalen Gegebenheiten angepasst. Das Lied wurde sogar zu einer inoffiziellen Friesen-Hymne erklärt.
Doch die ersten Wellen zu dieser Melodie waren die der Ostsee, denn der Text stammt nachweislich von der Heimatdichterin, Hauslehrerin und Redakteurin Martha Müller-Grählert aus Vorpommern. 1907 veröffentlichte die aus Zingst stammende und in Berlin lebende Autorin ihr Gedicht Mine Heimat. Die erste Strophe im Platt, wie man es zwischen Rostock und Stralsund gesprochen hat, lautet:
Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
Wo de gele Ginster bleuht in´n Dünensand,
Wo de Möwen schriegen, grell in´t Stormgebrus, –
Da is mine Heimat, da bün ick tau Hus.
Das zuerst in Lokalzeitungen veröffentlichte Gedicht von der Sehnsucht nach heimatlichen Gefilden fand großen Anklang. Die Vertonung durch den in Zürich lebenden Arbeitermännerchor-Sänger und Liedkomponisten Simon Kranning trug wesentlich zur Popularität des Ostseewellenlieds bei. An den Text war er durch einen Zeitungsausschnitt von einem wandernden Handwerksgesellen gelangt.
Mit wachsender Popularität entstanden schon bald weitere Textfassungen, aus den Ostseewellen wurden die Nordseewellen, mit denen andere als die Autorin ihren Gewinn abschöpften. Da Martha Müller-Grählert nach der Scheidung von ihrem Mann, dem Professor Max Müller, in Armut lebte, begann sie um die Durchsetzung ihrer Urheberrechte zu kämpfen. 1936 endete der Rechtsstreit um ihr Lied zwar mit einem Urteil zu ihren Gunsten, aber bis zu ihrem Tod wurde das Urteil nicht rechtskräftig umgesetzt. Martha Müller-Grählert starb 1939 völlig verarmt in einem Altersheim. Bitter für diese mutige Frau.
Ausgiebig von ihrem Lied profitiert hat dagegen ein Mann aus Soltau, Friedrich Fischer-Friesenhausen. In seinem Verlag erschien vorliegende Notenausgabe. Der Verleger hat den Text mehrfach für die Nordsee bearbeitet, mal als Friesenleed, mal als Inselleed. Er brachte die Texte auch in hohen Auflagen auf Postkarten heraus.
Bemerkenswert ist, wie rücksichtslos und dreist Fischer-Friesenhausen mit dem Urheberrecht umging. Auf der Rückseite dieser Notenausgabe sind weitere Verlagstitel aufgeführt, darunter auch Lieder vom Komponisten Simon Krannig. Und immer wieder taucht der Name des Verlegers Fischer-Friesenhausen als Autor auf, selbst bei den Ostseewellen (!) der Autorin Müller-Grählert.
Auf den von ihm herausgegebenen Liedkarten reklamierte er sein Urheberrecht: Alleiniges Verlagsrecht Friesen-Verlag, Soltau. Dazu findet sich unter den Noten der Hinweis auf eine Ausgabe für Klavier und Salonorchester im gleichen Verlage. Fast schon zynisch klingt der Zusatz: Nachdruck, sowie Abschreiben der Noten ist nach § 4 des Gesetzes vom 11. Juni 1870 verboten und wird strafrechtlich verfolgt.
Friedrich Fischer-Friesenhausen, der 1960 in Soltau verstorben ist, war bereits in den 1920er-Jahren durch üble Hetze gegen Juden aufgefallen und deshalb sogar zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Er war Mitglied im antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und in der NSDAP. Der gelernte Kaufmann verstand sich als Dichter und schrieb auch zahlreiche Lieder. Seine völkische Gesinnung durchzieht seine Publikationen, die er in seinem eigenen Friesen-Verlag veröffentlichte. Auch nach dem Ende der Nazi-Diktatur konnte er mit seinem Verlag anscheinend unbehelligt weitermachen. Kurz vor seinem Tod erschienen dort noch 1957 der erste Band seiner Gesammelten Werke.
HB
Obwohl kein Shanty, sind die Ostsee- und die Nordseewellen bei Shanty-Chören gleichermaßen beliebt.
– Klaashans: Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, 2004, Warnemünde
– Shanty-Chor Carolinensiel: Wo de Nordseewellen trecken an den Strand