Das Chorbuch für die Volksschulen erschien 1963, die hier vorliegende 3. Auflage kam 1965 heraus.
Zur zeitlichen Einordnung: 1963 endete die Regierungszeit Adenauers, 1967 wurde in Berlin Benno Ohnesorg erschossen und die Protestbewegung der 68er nahm Fahrt auf. Die Volksschule von Klasse 1 bis 8 war bis Mitte der 1960er-Jahre immer noch die vorherrschende Schule, nur wenige besuchten weiterführende Schulen. Und die Jugend interessierte sich mehr für die Beatles als für ein dreistimmig gesungenes Lob Gottes.
Chorsingen in der Volksschule ist nicht entbehrliche Dekoration, sondern klingender Ausdruck einer musischen Verhaltensweise der ganzen Schulgemeinschaft, die den einzelnen trägt, ihn formen hilft und ihn an der geistigen Bewältigung musikalischer Gehalte teilnehmen läßt. Die zum Bildungsvorgang gehörenden musikalischen Gehalte müssen nicht nur wertvoll sein. Sie umfassen vielmehr den Spannungsbogen zwischen den mehr volkstümlichen Musikzierformen und den Formen der großen Kunst. (1. Absatz „Zur Einführung“)
Welch´ schöne Worte zu Beginn der Einführung. Aber leider fernab der gesellschaftlichen Realität Mitte der 60er-Jahre und der Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen.
Auch das noch so einfache Chorsingen in der Schule gehört zur Pflege der abendländischen Kultur, die zwei Aufgaben hat: das überkommene Erbe zu bewahren und gleichzeitig der Kunst der Gegenwart zu dienen. Darum enthält die Sammlung Chöre aus allen Jahrhunderten abendländischer Musik. Der musikalischen Aussage der Gegenwart ist selbstverständlich der ihr gebührende Raum zugedacht. (Letzter Absatz „Zur Einführung“)

Ja, was war denn 1965 die „musikalische Aussage der Gegenwart“? Und wo schlägt sich das im Chorbuch nieder?
Vielleicht sind mit der musikalischen Aussage der Gegenwart die Kompositionen der um 1960 noch lebenden Komponisten gemeint, die mit mehreren Sätzen in dem Schulbuch vertreten sind, wie zum Beispiel Hermann Schroeder [1] mit dem Lied Arbeit und Fleiß. Der Text von Johann Fischart [2] stammt aus dem 16. Jahrhundert:
Arbeit und Fleiß sind die Flügel, die führen über Strom und Hügel.
Der Herausgeber Josef Heer hat zwei weitere Strophen ergänzt:
2. Arbeit und Fleiß, das ist der Segen für jung und alt auf allen Wegen.
3. Arbeit und Fleiß, das sind die Türme, die ragen über Not und Stürme. .
Das Lied mit der Überschrift Zur Schulentlassung, also für den aktuellen Gebrauch 1965, stammt aus dem 17. Jahrhundert und beginnt mit den Worten: Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte.
Das Lied zur Schuleinweihung schrieb Hans Sabel, einer der beiden Herausgeber, im Jahr 1960. Der Text lautet: Was wir sehen hier und schauen, ist mit Gottes Hilf vollbracht, denn Vollbringen und Gelingen steht allein in seiner Macht.
Das Chorbuch zeigt eine sehr einseitige, religiös-christliche Ausrichtung. Den inhaltlichen Überschriften sind in einem Stichwortverzeichnis am Ende des Bandes Lieder zu folgenden Rubriken zugeordnet.
Abend
Abschied
Advent
Arbeit
Blätterfall
Dank
Dreikönigsfest
Einführung und Abschied eines Lehrers
Einkehr
Einschulung und Schuljahrsbeginn
Entlassung

Erntedank
Fastnacht
Frohsinn
Frühling
Geburtstag
Grundsteinlegung, Richtfest und Einweihung
Heimat und Vaterland
Herbst
Jagd
Liebe
Lob Gottes
Lob der Musik
Morgen
Muttertag
Neujahr
Ostern
Passion
Reisen und Wandern
Sommer
Sommerfest
Trauer
Wald
Weihnacht
Weite Welt
Winter
Umschlagentwurf: Johannes Holzmeister, Boppard/Rh.
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[1] Der katholische Kirchenmusiker Hermann Schroeder ist vor allem bekannt durch seine Lehrbücher zu Harmonielehre und Kontrapunkt, die er zusammen mit Heinrich Lemacher verfasst hat, seinem Lehrer und späteren Kollegen an der Kölner Musikhochschule.
[2] Zweifellos ist Johann Fischart eine hochinteressante Persönlichkeit. Der promovierte Jurist war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zuerst Lutheraner und dann Calvinist. Fischart experimentierte meisterhaft mit Sprache, von ihm stammen zum Beispiel so schöne Begriffe wie Gänsewein und Geschichtsklitterung. Sein Hauptwerk, eine Affentheurliche und Ungeheurliche Geschichtschrift, trägt den Titel Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung. Herrlich!
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– Stichwortverzeichnis
– Inhalt alphabetischen nach Liedanfängen