Schalmei und Tuba, 1974

Marke
Produktgruppe
Fundstelle
Stern 9/1974
Quelle
Musik in der Printwerbung – Sammlung Engel
Jahr
1974
Anmerkungen
keine Vuvuzela (!)
Musikbezug/ Instrumente

Die hier abgebildeten Anzeigen dienen rein wissenschaftlichen Zwecken zur Dokumentation des Themas „Musik in der Printwerbung“.

Infos/Kommentar

1974 – Fußball-WM im eigenen Land. Auch ein Fest für die Werbebranche. Diese Anzeige ruft die Fangemeinde mit einem Gewinnspiel zum Mitmachen auf. Als Preise werden Eintrittskarten und Geldgewinne ausgelobt. Die Anzeige spielt mit dem Produktnamen tictac und dem Fußballbegriff Taktik. Der Slogan lautet tictac tactic: Frische für den ganzen Tag.

Abgebildet ist eine jubelnde Fangemeinde. Beim ersten Blick auf die beiden Musikinstrumente meint man, eine Vuvuzela und eine Tuba mitten im Fanblock zu erkennen. Da die Anzeige aber aus dem Jahre 1974 stammt, kann es keine Vuvuzela sein, die hielt erst viel später als bestimmendes Lärminstrument Einzug in die Fußballstadien.

links: Schalmei / rechts: Tuba

Hier handelt es sich um eine Schalmei (auch Martinstrompete genannt), ein Musikinstrument, das in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg groß in Mode kam. (1) Vor allem bei politischen Aufmärschen oder Umzügen von Feuerwehren, Schützen- und Sportvereinen waren diese Instrumente sehr beliebt. Die Schalmei ist eines der wenigen Instrumente, das über einen gewissen Zeitraum auch recht eindeutig politisch einzuordnen ist. In der Weimarer Republik traten vor allem linke Gruppierungen bei Demonstrationen und Kundgebungen mit Schalmeien-Kapellen auf. Das veranlasste die Nazis nach 1933, die Schalmeien-Kapellen der Sozialdemokraten und Kommunisten aufzulösen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wieder eine Reihe von Schalmeien-Kapellen, vor allem in der DDR und in den Regionen mit Arbeitertradition, bei bestimmten Berufsgruppen oder bei Volksfesten.

Kurzfristig bekam die Schalmei 1987 öffentliche Aufmerksamkeit, als Udo Lindenberg von Erich Honecker eine Schalmei überreicht bekam, statt der erwünschten Auftrittserlaubnis in der DDR. Über Honecker, den Oberindianer Honey (wie Lindenberg ihn nannte), wurde damals in der Presse immer wieder berichtet, dass er in seiner Jugend Schalmei gespielt habe. Das soll 1929 im Saarland in der Wiebelskirchener Schalmei-Kapelle des Roten Frontkämpferbundes gewesen sein.

Schalmeien-Kapelle 1925

Nach der Lindenberg-Honecker Begegnung ist die Schalmei aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden, abgesehen von wenigen Schalmeien-Formationen, die aber über eine regional begrenzte Bekanntheit nicht hinauskamen.

In der Anzeige wird die Schalmei als mögliches Anfeuerungsinstrument eingesetzt. Die Anzeigenmacher konnten 1974 nicht wissen, dass Jahrzehnte später ein ähnlich aussehendes, aber erheblich lauteres Instrument die Stadien erobern würde: die Vuvuzela.
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(1) Mit dem Namen Schalmei werden zwei grundverschiedene Blasinstrumente bezeichnet. Zum einen das schon seit dem ausgehenden Mittelalter bekannte Doppelrohrblatt-Holzblasinstrument, das es als Instrumentenfamilie in allen Stimmlagen gab. Diese Schalmei wurde im Barock von der Oboe abgelöst.
Das andere Instrument, um das es in der Anzeige geht, ist die sogenante Martinstrompete, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin im Vogtland erfunden wurde. Bei den Martinshörnern werden die Töne durch eine aufschlagende Zunge erzeugt. Mehrere Einzel-Hupen zusammen ergaben ein Musikinstrument, das unter dem Namen Schalmei zu Beginn des 20. Jahrhunderts Verbreitung fand.

HB
– Schalmeien-Kapelle mit Brüder, zur Sonne, zur Freiheit
– Vuvuzela