Anmerkungen zur Notentitel-Sammlung

Notentitel-Sammlung: Popularmusik aus acht Jahrzehnten

1923 Aufgepasst Schlagerpotpourri
Aufgepasst, Schlagerpotpourri 1923

Unter dem Begriff Notentitel werden Notenausgaben verstanden, die durch ihre außergewöhnlichen Titelseiten auffallen. Das bezieht sich sowohl auf Einzelblätter als auch auf Notenbände.

Bis auf wenige Ausnahmen geht es in dieser Präsentation um Popularmusik aus der Zeit von 1870 bis 1950. Dazu zählen Schlagernoten, Märsche, (Mode-)Tänze und Nummern aus Operette, Kabarett, Revue oder Film. Auch manche Hits der Salonmusik und einzelne Titel aus „Klassik“ und Oper haben durchaus Popularmusik-Qualitäten. Der Schwerpunkt liegt allerdings eindeutig auf den Schlager-Ausgaben.

Einzelausgaben

Die grafisch ansprechend gestaltete Titelseiten der Einzelausgaben waren nur die äußere Verpackung, um die Neugier auf den Inhalt zu lenken. Das eigentliche Produkt (Musik und Text im Innenteil) war der Inhalt, der möglichst oft verkauft werden sollte. Die Noten-Titelseiten hatten eine wichtige verkaufsfördernde Funktion im Musikgeschäft. Ähnlich war es später bei den Verpackungen der Schallplatten. Aus anfangs unscheinbaren Schutzhüllen wurden aufwendig gestaltete Cover.

1911 Die Nacht von Berlin Titel
Die Nacht von Berlin, 1911

Die meisten Notentitel-Grafiken haben einen Bezug zum Inhalt, also zur Musik oder zum Text. Sie illustrieren, interpretieren oder kommentieren, nur selten verzichten sie auf eine Beziehung zu den jeweiligen Musikstücken.

In der Regel handelt es sich um Klaviernoten mit oder ohne Gesang. Ausgaben für Akkordeon, Mandoline, Ukulele oder andere Instrumente bilden die Ausnahme. Die meisten Titel haben einen Umfang von 4 bis 6 Seiten (Titelblatt, Notenteil, Verlagswerbung). Mehr als 6 Seiten findet man bei Einzelausgaben selten, nur bei Potpourris ist der Umfang auf teilweise bis zu 36 Seiten erweitert.

Das B4-Format (25,7 x 36,4 cm) der Einzelausgaben liegt zwischen DIN A4 und DIN A3, was aber – je nach Verlag – geringfügig variieren kann. Neben den üblichen Großformaten sind kleine Ausgaben im DIN A5-Format eher selten.

Alben

Zu Tee und Tanz Bd 15 01
Zu Tee und Tanz, Band 15, 1930

Die Alben fallen oft durch besonders ansprechende Cover-Grafiken auf. Dazu zählen Reihen wie 1000 Takte Tanz, Beim Tanz der Jugend, Zu Tee und Tanz von heute, Zu Tee und Tanz und Zum 5-Uhr-Tee, die in den 20er- und 30-er-Jahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sehr populär waren.

Nicht periodische, thematische Alben (Einzelausgaben) sind vertreten, wenn ihre Titelseiten erwähnenswert sind oder sie Hinweise auf bestimmte Grafiker liefern, wie z. B. die 12 berühmte Walzer aus dem Jahre 1937 mit einem Titelblatt von Paul Telemann.

Eine Sonderstellung in der Sammlung nehmen die privat zusammengestellten Alben ein.

Privates Album Inhaltsverzeichnis um 1930
Privates Album um 1930, Inhaltsverzeichnis

Wer es sich leisten konnte, ließ sich seine Einzelausgaben von Noten zu einem Sammelband binden. Jedes Album ist ein Unikat und verrät einiges über den Musikgeschmack seines Eigentümers. Hinweise, von wem diese Alben zusammengestellt wurden, sind selten.

Diese Privatausgaben hatten oft über 100 Seiten. Zur Orientierung wurde mitunter ein von Hand geschriebenes Inhaltsverzeichnis vorangestellt. Die Inhalte dieser privaten Schätze gingen wie Kraut und Rüben durcheinander: Schlager-Einzelausgaben, (Kunst-)Lieder, Salonmusikstücke, Klaviermusik aus Klassik und Romantik.

In diesen Bänden finden sich zahlreiche gut erhaltene Notentitel, da sie zwischen den Buchdeckeln über die Jahrzehnte geschützt waren. Allerdings sind viele Titelblätter durch das Beschneiden in der Binderei verunstaltet.

Das Innenleben der Notenausgaben

Paganini Werbung innen Grammophon
Grammophon-Werbung innen

Liegt der Fokus bei der Präsentation von Notentiteln gemeinhin ausschließlich auf dem Cover, so werden hier auch die weiteren Seiten der Ausgaben einbezogen. Das Innenleben, praktisch der Kern der Ausgabe, besteht im Wesentlichen aus den Noten und Texten. Zu Manchen Titeln sind Ausschnitte mit Notenbeispielen als zusätzliches Angebot zu finden. Die Kommentare zu den einzelnen Notenausgaben schließen auch die Musik, die Texte, deren Urheber und die Verlage der Ausgaben ein.

Unter dem Doppeladler Widmung
Unter dem Doppeladler, Marsch 1893, Widmung

Oft finden sich im Innenteil auf der ersten Notenseite auch Widmungen und fantasievolle Untertitel. Aus einem simplen Foxtrott wird schon mal ein Affentrot, Fox-Intermezzo, Jazz ou Foxtrot oder Novelty Fox-Trot.

Hinweise auf Grammophonfirmen, bei denen die jeweiligen Titel erhältlich waren, erschienen vermehrt ab den 1920er-Jahren im Innenteil zwischen beiden Notenseiten. Manche Musiktitel sind eng verbunden mit bekannten Interpretinnen und Interpreten. Durch Verlinkungen auf externe Hörbeispiele (HB) sind bestimmte Aufnahmen schnell abrufbar. Ausschnitte mit Notenbeispielen sind ebenfalls als zusätzliches Angebot zu finden.

Bei Einzelausgaben mit mehr als vier Seiten wurde mitunter die zweite Seite auch für Verlagswerbung genutzt. Abgedruckte Probetakte von Schlagern und Musiktiteln sollten den Appetit anregen.

Die Rückseiten der Notenausgaben

Besondere Beachtung verdient die Verlagswerbung auf der Rückseite einer Notenausgabe. Eng bedruckte Seiten mit Auszügen aus Verlagsverzeichnissen verraten sehr viel über die Programmmausrichtung eines Verlags. Man erhält zusätzlich interessante Informationen über die Preisgestaltung damaliger Musikverlage und kann sich ein Bild machen, welche Komponisten und Texter für die sie tätig waren.

1922 Madame Flirt Ortmann Rückseite
Madame Flirt, 1922, Rückseite Ortmann
1922 Madame Flirt Potpourri Titel
Madame Flirt, Potpourri 1922, Titel Ortmann

Aufschlussreich sind auch spezielle Annoncen, die alle möglichen Besetzungen eines Musiktitels auflisten, die von dem Verlag vorgehalten wurden. Das konnten mitunter über fünfzig [!] verschiedene Ausgaben sein. Man bekommt eine Ahnung davon, wie umfänglich und nachhaltig ein paar Takte Musik ausgeschlachtet werden konnten.

Bislang vollkommen unbeachtet ist die Rolle der Titel-Grafiker bei der Gestaltung der Verlagswerbung auf den Rückseiten der Notendrucke. Obwohl nur wenige Rückseiten die Signatur eines Künstlers tragen, ist die Handschrift der Grafiker oft erkennbar. Manche Rückseiten wurden regelrecht als Comic gestaltet, so zum Beispiel die nummerierten Bilderbogen aus dem Wiener Bohême-Verlag.

Der viel beschäftigte Grafiker Wolfgang Ortmann fügte sogar eigene Titel-Entwürfe der letzten Jahre in die Werbung auf der Rückseite ein. Auf der Rückseite des Operetten-Potpourris Madame Flirt von 1922 sind seine Titel Kleine Mädchen brauchen Liebe (1920), Es gibt im Leben manches Mal Momente und Mensch sei helle, bleib Junggeselle (beide 1921) eingearbeitet. 

Zur Sammlungsgeschichte – nicht mehr als ´ne Mark pro Blatt

1910 Polnische Wirtschaft Maenne 01
Männe, hak´mir mal die Taille auf, Rheinländer aus der Posse „Polnische Wirtschaft“, 1910

Die ersten Notenausgaben mit den ansprechenden Titelblättern sind mir Anfang der 70er-Jahre auf dem Flohmarkt in Hannover aufgefallen. Es waren Einzelausgaben von Schlagern aus den Zwanzigern, die mir durch Schallplatten der Eltern bekannt waren. Ein Blatt kostete ein paar Pfennige, das war am Anfang meines Musikstudiums erschwinglich. Lange galt die Maxime: nicht mehr als ´ne Mark pro Blatt. Einmal auf den Geschmack gekommen, habe ich dann nach der Studienzeit auch in Buchantiquariaten Notenstapel nach ansprechenden Titeln durchforstet. So konnte ich manch schönes Exemplare aus zerbröselnden Haufen herausfischen. Das funktionierte ganz gut, solange nicht über jedes einzelne Blatt gefeilscht werden musste, sondern ein erschwinglicher Paketpreis für mehrere Blätter verhandelt wurde.

Von jeder Reise brachte ich immer ein paar weitere Exemplare mit. Drei Städte sind mir in besonders guter Erinnerung: Amsterdam, Stockholm und Lissabon. Einige Zeit lang waren auch die dänischen Scheunen-Antikviteter in Nordschleswig sehr ergiebig. Dort stieß ich übrigens auch zufällig auf den Aufsatz über Moderne deutsche Notentitel, den Walter von Zur Westen 1898 in der Zeitschrift für Bücherfreunde veröffentlicht hatte. 

Besondere Fundstücke – die Notenblätter aus Lissabon

1920 Whispering 01 scaled
Titel-Grafik von R. de Valerio zu Whispering, 1920

Portugal hat für die Sammlungsgeschichte eine besondere Bedeutung. Zahlreiche französische Noten habe ich in Lissabon erstanden, darunter die außerordentlichen Drucke des Grafikers Roger de Valério aus dem Hause Salabert.

Fast alle meiner südamerikanische Notentitel aus Brasilien und Argentinien stammen aus Lissabon. Davon ist der größte Teil ein Geschenk meiner verstorbenen Schwester Dagi, die einige Jahre in Lissabon gelebt hatte. Viele dieser Noten tragen den Stempel „Curso de dança Professor Arthur Rodrigues“.  Vielleicht wurde das Tanzstudio aufgelöst und die Noten des Professors landeten in einem Antiquariat. Von den Noten aus dieser Abteilung der Sammlung sind bisher nur wenige eingestellt.

Preisexplosion – vorläufiger Ausstieg

Als in den 1980er-Jahren immer mehr Antiquariate das große Geschäft mit den Notentiteln witterten, führte das zu deutlichen Preissteigerungen. Man handelte die Drucke nur noch wegen der Titel-Grafik, der Rest interessierte nicht. Ein besonders teures Blatt kostete damals vielleicht schon 10 bis maximal 20 Mark. Die Preissteigerungen bekam man auch auf Flohmärkten zu spüren, vor allem auf den großen Märkten, die immer stärker von professionellen Händlern dominiert wurden.

Tiroler Holzhacker Buabn d 01
Tiroler Holzhacker Buab´n, um 1900

Ein Erlebnis in München werde ich nicht vergessen. Es hat entscheidend dazu beigetragen, dass ich geraume Zeit keine Antiquariate mehr aufgesucht habe. Für eine Ausgabe der Tiroler Holzhacker Buab´n verlangte der Besitzer eines Antiquariats plötzlich 80 Mark. Ungefragt lieferte er die Erklärung: Wirte, die sich die Noten in ihre Kneipe hängen, zahlen locker diese Preise.

Danach stand für mich fest, vorerst keine Notenblätter mehr zu kaufen. Ein weiterer Grund war die ärgerliche Praxis, private Sammelalben auseinander zu rupfen und jedes Blatt einzeln teuer zu verkaufen. Erkennen konnte man das an Hefträndern und den beschnittenen Blättern.

Natürlich konnte ich nicht ganz von den Notenblättern lassen. Trotz der festen Absicht, keine Notenblätter mehr zu kaufen, war es am Ende dann doch der ein oder andere Titel, der Eingang in meine Sammlung fand.

Übrigens, die Holzhacker Buab´n habe ich viele Jahre später für ein paar Euro bekommen.

Ausstellung und Katalog „Veronika, der Lenz war da“

Veronika der Lenz war da Katalog 1986
Ausstellungskatalog „Veronika der Lenz war da Katalog“, 1986

Einen Teil meiner Notenblätter konnte ich 1986 mit einer Ausstellung in der Stadtbibliothek Hannover der Öffentlichkeit präsentieren. Meinen damaligen Stand über die Notenausgaben der Schlager der Zwanziger Jahre fasste ich in einem Katalog zusammen (Veronika, der Lenz war da. Schlager der Zwanziger Jahre, Hannover 1986). Für die Auswahl der Exponate, fachkundige Hinweise zur künstlerischen Gestaltung der Cover und zu den Drucktechniken bin ich Oco Dehne außerordentlich zu Dank verpflichtet.

Grundlage für die Katalogtexte und Abbildungen waren zunächst meine eigenen Notenblätter und spärliche Hinweise aus Büchern. Zu den Urhebern der Titelgrafiken war fast gar nichts in Erfahrung zu bringen, noch nicht einmal die Lebensdaten. Internet gab es noch nicht, Manuskripte wurden auf der Schreibmaschine geschrieben und dann in den Satz gegeben. 

Heute ist die Ausgangslage eine andere. Durch die digitale Vernetzung kommt nach und nach immer mehr zum Vorschein über all die kreativen Menschen, die die Zwanziger Jahre entscheidend geprägt haben. Dabei wird auch schmerzhaft klar, dass weitaus mehr Kulturschaffende das Land verlassen oder die Schreckensherrschaft nicht überlebt haben, als man bisher geahnt hat. 

Weitere Zwanziger-Jahre-Projekte

1912 Der liebe Augustin 01
Titel von Paul Telemann zur Operette „Der liebe Augustin“, 1912

Die Notentitel-Ausstellung war eingebettet in ein über zwei Monate laufendes Kulturprogramm in Hannover mit über 25 Veranstaltungen unter Beteiligung von Stadtbibliothek, Freizeitheimen, Schulen, Universität, Musikhochschule, Theaterwerkstatt und Staatstheater sowie einzelnen Akteuren.

Als Schulprojekt wurde die Revue „Man lebt so kurz und ist so lange tot“ (Text: Rolf Hackmann) aufgeführt, zu der ich Schlagerarrangements und Chorsätze schrieb. Im Mittelpunkt dieser Revue stehen der Dichter Tucholsky und der Schlagertexter Beda (Friedrich Löhner). Einzelne Chorsätze aus der Revue erschienen später in zwei Heften im Lugert-Verlag (Oldershausen 2000). Meine Notentitel Sammlung konnte ich auch als Steinbruch für die Textcollage „Der entkleidete Schlager. Dichtung und Klarheit“ für die Theaterwerkstatt Hannover nutzen.

In den 1990er-Jahren führten neue berufliche Schwerpunkte dazu, dass ich mich fast gar nicht mehr um meine Notentitel-Sammlung gekümmert habe. Ab und zu holte mich das Thema doch wieder ein, so entstand 1995 in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Wolfgang Röben noch ein einstündiges Rundfunk-Feature über Fritz Löhner-Beda (Titel: Von der Bar zum Krokodil nach Auschwitz, Erstsendung S 2 vor Mitternacht, 16.9.1995).

Erhalt der Sammlung mit öffentlichem Zugang

1923 Wo hast du nur die schoenen blauen Augen her
Titel von Dely zu „Wo hast du nur die schönen blauen Augen her?“, 1923

Was hier zurzeit öffentlich einsehbar ist, umfasst nur einen geringen Teil meiner Notenblätter. Fast alle Titelseiten sind bereits gescannt. Nach und nach sollen weitere Blätter eingestellt werden. 

Ich würde mich freuen, wenn es eine Institution gibt, der ich die Sammlung überlassen kann. Meine Bedingungen sind:

  • Die Sammlung soll zusammen bleiben.
  • Die Notenblätter sollen der Öffentlichkeit im Rahmen bestimmter Ausleihverfahren zugänglich sein.
  • Die Blätter dürfen keiner kommerziellen Nutzung zugeführt werden.

Bei Interesse können sich Institutionen an mich wenden.