Zeitl. Einordnung

Jeder mittlere und größere deutsche Fluss hat seine Lieder. Der Rhein liegt vermutlich mit unzähligen Liedern uneinholbar ganz vorne, die Elbe ist, gemessen an ihrer Länge, relativ schwach vertreten. Die vergleichsweise kurze Weser bringt es da schon auf mehr Lieder. Bei der Saale ist es vor allem ein Lied, das es 2021 sogar geschafft hat als Titel der 50. Polizeiruf 110-Ausgabe aus Halle ausgewählt zu werden: An der Saale hellem Strande.
1822, also fast 200 Jahre zuvor, hatte Friedrich Ernst Fesca die Melodie komponiert, allerdings zu dem Lied Heute scheid´ ich, heute wand´r ich. Der Text stammt von Franz Kugler, der ihn 1826 auf der Rudelsburg geschrieben haben soll. Dass die Melodie von Fesca für das Kugler-Gedicht verwendet wurde, veranlasste Erk/Böhme im Deutschen Liederhort (III, 246) zu einem bissigen Kommentar:
Die schöne Melodie von Franz Ernst Fesca (1822) ist viel gesungen, aber im Volksgesange verzerrt worden (…) Ganz entstellt und widerlich versüßelt erscheint sie zu Kugler´s Liede: „An der Saale hellem Strande“.
Ob nun entstellt oder widerlich versüßelt, das war uns früher vollkommen egal. Wie oft haben wir dieses Lied als Kinder gesungen, als wir mit unserem Naumburger Opa in den 50er-Jahren zur Rudelsburg gewandert sind. Rauf und runter. Als Belohnung gab es dann ein köstliches großes Glas Fassbrause. Und ein Bild von der Saale mit Rudelsburg und Burg Saaleck hing all die Jahre bei meinen Eltern in Bremen. So war auch an der Weser das Lied von der Saale unterschwellig immer präsent.

An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind zerfallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.
Zwar die Ritter sind verschwunden,
Nimmer klingen Speer und Schild;
Doch dem Wandersmann erscheinen
In den altbemoosten Steinen
Oft Gestalten zart und mild.
Droben winken holde Augen,
Freundlich lacht manch roter Mund,
Wandrer schaut wohl in die Ferne,
Schaut in holder Augen Sterne,
Herz ist heiter und gesund.
Und der Wandrer zieht von dannen,
Denn die Trennungsstunde ruft;
Und er singet Abschiedslieder,
Lebewohl tönt ihm hernieder,
Tücher wehen in der Luft.
HB
Dresdner Kreuzchor mit An der Saale hellem Strande