Zeitl. Einordnung
Es gibt eine Reihe von sogenannten Kunst- oder Klavierliedern, die später als einfaches Strophenlied zu Volksliedern wurden. Von den Schubert-Liedern ist wohl das bekannteste Beispiel Der Lindenbaum aus dem Liederzyklus Winterreise. Die Volksliedfassung Am Brunnen vor dem Tore stammt von dem eifrigen Volkslied-Komponisten, -Bearbeiter und -Sammler Friedrich Silcher, der ein besonderes Gespür für volksliedtaugliche Gesänge aufgefallen ist. Zur Popularität haben seine Chorfassungen, speziell für Männerchor erheblich beigetragen.
Der Lindenbaum beginnt mit der schlichten Feststellung: Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum. Was es mit diesem Baum als Dorfmittelpunkt auf sich hatte, darüber ist schon viel geschrieben worden. Mit Literatur zur Winterreise und zur Interpretation vom Lindenbaum lässt sich ein langes Regal bestücken. Auf jeden Fall ist es zu kurz gegriffen, wollte man den Lindenbaum nur auf ein biedermeierliches Symbol für Heimat und Dorfidylle reduzieren.
Schubert hat dem Anfang der 3. Strophe (Die kalten Winde bliesen …) ganz bewusst durch die veränderte Melodie und einen Wechsel des Tongeschlechts eine gewisse Dramatik verliehen. In der Volksliedfassung wird diese Dramatik entschärft, die Beschaulichkeit der Dorfidylle wird nicht gestört.
Genau dieser Aspekt wird durch zahlreiche Ansichtskarten-Motive zu diesem Lied immer wieder verfestigt. Ein Mann oder eine Frau sitzen unter eine Linde und hängen ihren süßen Träumen hinterher. Der Brunnen darf nicht fehlen und im Hintergrund ist das Dorf und die Dorfkirche zu erkennen.


Siehe auch Ansichtskarten-Serien mit sechs Motiven zum Lied Am Brunnen vor dem Tore.
Es gibt eine Reihe von Filmen, in denen das Lied Am Brunnen vor dem Tore szenisch eingebunden ist. In dem Heimatepos „Die Trapp-Familie in Amerika“ (1958) wird die Geschichte der Trapp-Familie erzählt, die vor den Nazis nach Amerika geflüchtet ist. Als die Einwanderungsbehörde droht, die Familie ins von den Nazis besetzte Österreich zurückzuschicken, stimmt der Familienchor das Lied Am Brunnen vor dem Tore an. Die Familie kann bleiben.
Besonders beeindruckend eine Szene aus dem Film „Ein Lied geht um die Welt“ (1933) mit dem Tenor Joseph Schmidt. Mehr dazu unter Ein Lied geht um die Welt.
HB
– Schubert: Der Lindenbaum, mit Dietrich Fischer-Dieskau und Alfred Brendel.
– Zwei Silcher-Chorsätze mit dem Stuttgarter Silcher-Chor: Am Brunnen vor dem Tore und Wenn ich ein Vöglein wär.
– Am Brunnen vor dem Tore, Filmszene aus „Ein Lied geht um die Welt“ (1933) mit Joseph Schmidt