Zeitl. Einordnung

1950 erschien im Verlag Volk und Wissen (Berlin/Leipzig) eine Bearbeitung der Bauernkantate von Johann Sebastian Bach.
Der Originaltext des Schlusschores ist eine Huldigung an den Kammerherrn Dieskau:
Wir gehn nun, wo der Tudelsack,
der Tudel-, Tudel-. Tudel-,
Tudel-, Tudel-, Tudelsack
in unsrer Schenke brummt.
Und rufen dabei fröhlich aus:
Es lebe Dieskau und sein Haus,
ihm sei beschert, was er begehrt,
und was er sich selbst wünschen mag!
Daraus wurde in der DDR-Fassung von 1950:
Wir gehn nun, wo der Tudelsack,
der Tudel-, Tudel-. Tudel-,
Tudel-, Tudel-, Tudelsack
in unsrer Schenke brummt.
Es leb der Bauer und sein Stand,
es leb das weite, freie Land,
ihm sei beschert, an Gut und Wert,
was er erschafft mit seiner Hand!
Jetzt sind es auf einmal die Bauern, denen der Bearbeiter Paul Hermann mit einer neuen Textfassung huldigt. Der Kammerherr wird unterschlagen, weil es nicht ins Bild passte, dass das Volk einen Adligen feierte. Damit werden allerdings historische Abhängigkeitsverhältnisse verzerrt dargestellt.
Der ursprüngliche Titel der Cantate burlesque lautete Mer hahn en neue Oberkeet. Das war ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es sich um eine Huldigungskantate handelte. Dieser Titel taucht in der DDR-Ausgabe nicht mehr auf.
In diesem Falle ist die neue Obrigkeit kein König oder Fürst, sondern „nur“ ein Kammerherr, der ein Gut in Klein Zschocher bei Leipzig übernehmen soll. Dieses Ereignis war im Jahre 1742 für Johann Sebastian Bach und seinen Textlieferanten Christian Friedrich Henrici Anlass genug, dem Kammerherrn eine Kantate mit Einzugsmusik, Rezitativen, Arien und Chören zu widmen.
Zwischen dem Kammerherrn Karl Heinrich von Dieskau und dem Textdichter Christian Friedrich Henrici bestand ein spezielles Abhängigkeitsverhältnis. Henrici, im Hauptberuf Postkommissar, war als Steuereintreiber auch für den Kammerherrn in Kleinzschocher tätig. Seine dichterischen Arbeiten, darunter viele Texte für Bachs Vokalwerke, verfasste er unter dem Pseudonym Pincander.
In der Bauernkantate zeichnet Henrici den Kammerherrn als freundlichen Mann, der bei den Bauern durchaus beliebt ist. Er selbst, der Schösser (= Steuereintreiber), kommt dagegen nicht gut weg.
Interessant ist, was in der DDR aus der Bauernkantate gemacht wurde. Bereits im Vorwort wird der Text von Picander als „dürftiges Machwerk“ bezeichnet. Der Bearbeiter Paul Hermann gibt unumwunden zu: „Und doch (…) stört uns bei Aufführungen immer wieder das peinlich-zufällige, zeitlich längst überholte Textgewand Picanders, das ein unterwürfig gemeintes Huldigungspamphlet des armen, tölpligen und verachteten Bauernstandes auf die Güte und Amtswürde des hocherhabenen Kammerherrn darstellen sollte.“
Ein positiv gezeichneter Kammerherr passte nicht zur Ideologie eines gerade gegründeten Staates, der sich auf den Weg gemacht hatte, über den Arbeiter- und Bauernstaat zur klassenlosen Gesellschaft zu gelangen. Also mussten die Bauern in der Kantate zum handelnden Subjekt gemacht werden. Das Verfahren von Weglassungen und Textneudichtungen wurden im Vorwort verharmlost so formuliert: „Um das Mißverhältnis, in dem Wort und Ton hier miteinander stehen, zu beseitigen, ist der Versuch gemacht worden, dem Texte das Unwesentliche, Überholte zu nehmen und seine wesentlichen Bestandteile, die derbe und naive Freude der einfachen Menschen an Gesang, Tanz und Festlichkeit, herauszuarbeiten. Dazu war eigentlich nur weniges, aber wichtiges zu tun: die unfreiwillig-komische Person des Kammerherrn hinter die wirklichen Hauptpersonen – die Landleute nämlich – zurücktreten lassen und somit den Kern des Ganzen freizulegen.“
Gleich im ersten Chor wird der Anlass der Feier verschwiegen. Die Amtseinübernahme durch den Kammerherrn wird in der DDR-Fassung kurzerhand zu einer „normalen“ Kirmes heruntergestuft:
Wir feiern heute Kirmesfest
bei Tanz und Fröhlichsein,
´s gibt guten Schmaus aufs allerbest
und Bier und kühlen Wein.
Im Originaltext lautet der Text:
Mer hahn en neue Oberkeet
An unsern Kammerherrn.
Ha gibt uns Bier, das steigt ins Heet,
Das ist der klare Kern.
Die Eingriffe betreffen noch weitere Arien und Rezitative. Aus Es nehme zehntausend Dukaten der Kammerherr alle Tag´ein wird Ich wünsch mir zehntausend Dukaten, um einmal recht lustig zu sein.
Das Rezitativ Der Herr ist gut kommt in der DDR-Fassung nicht vor, denn da heißt es bei Bach:
Der Herr ist gut. Allein der Schösser, das ist ein Schwefelsmann, der wie ein Blitz einen Schock strafen kann, wenn man den Finger kaum in´s kalte Wasser steckt.
Die zentrale Arie hat im Original folgenden Text: Klein Zschocher müsse so zart und süße wie lauter Mandelkerne sein (mehrfach). In unsere Gemeinde zieh heute allein der Überfluß des Segens ein.
Das wird dann in der DDR-Fassung zum Loblied auf den fröhlichen Landmann: Tage voll Wonne, Tage voll Sonne, wenn froh der Landmann die Ernte einbringt! Wenn ihm nach Tagen voll Müh und Plagen klingender Lohn dann endlich winkt! In unsre Gemeine [!] zieh heut bei Bier und Weine der Überfluß des Segens ein!.
Diese hier geschilderten Beispiele machen deutlich, dass man nichts aus der Geschichte lernen kann, wenn sie verfälscht dargestellt und ideologischen Wunschvorstellungen anpasst werden. Das sollte man auch bedenken bei den Versuchen in der Gegenwart, Operntexte zu bereinigen. Hier nur ein Beispiel aus den seitenlangen Vorschlägen vom Musikrats aus NRW: in der Zauberflöte soll der Kellermeister durch eine Kellermeisterin ersetzt werden. Damit wird ein falsches Bild der Gesellschaft im 18. Jahrhundert vermittelt, der Beruf war nur Männern vorbehalten. Übrigens wurden Kellermeisterinnen erst in der DDR ausgebildet, die nannte man allerdings Meisterin Spirituosen, Wein, alkoholfreie Getränke. Vielleicht wäre das dann der bessere Vorschlag für die Zauberflöte.

Übrigens …
… gab es im Leipziger Südwesten bis 1950 die Dieskaustraße. Im Jahr des Erscheinens vorliegender Kantaten-Bearbeitung wurde der Name Dieskau auch vom Straßenschild entfernt. Der neue Name lautete Straße des Komsomol. Den Jugendverband der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Komsomol, gab es seit den 1920er-Jahren, er hatte die Aufgabe, die Jugend im Sinne des Kommunismus zu erziehen. Aus dieser Zeit stammt das sogenannte Komsomolzen-Lied, ein bekanntes Agitprop-Lied, das auch in den DDR-Liederbüchern als Lied der FDJ zu finden war. In dem Lied wird die neue Rolle der Bauern angesprochen:
Bauer, der so lange schlief
schafft jetzt mit dem Kollektiv
für die Sowjetunion
Im Betrieb: Komsomol!
Auf dem Land: Komsomol!
Überall Komsomol!
Bricht dem Sozialismus Bahn!
Ja, die Komsomolzen, was sind das doch für Kerle!
Knorke, knorke, knorke alle Mann!
Der Komsomol wurde in der Sowjetunion 1991 aufgelöst, die Straße in Leipzig wurde 1992 wieder in Dieskaustraße umbenannt.
PDF
– Titelei DDR Ausgabe 1950
– Vorbemerkung zur Neubearbeitung
– Notenausschnitte (Anfang)