Walzerkönig ein Reichsbürger?

Der Wiener Johann Strauss wird Deutscher

Austria Strauss Werbung 2006
Werbe-Ikone Strauss: Ausschnitt aus einer Annonce für Austria-Tourismus, 2006

Der berühmte Walzerkönig Johann Strauss ein deutscher Reichsbürger? Ja, das war er, aber nicht das, was viele jetzt denken. Er träumte weder von vergangenen Reichen, noch lehnte er Gesetze und Verfassung ab. Aber es stimmt, der Ur-Wiener Johann Strauss war die letzten 13 Jahre seines Lebens deutscher Staatsbürger.

Wie es dazu kam, dass Strauss die österreichische Staatsbürgerschaft aufkündigte und die deutsche zugesprochen bekam, erfahren Sie am Ende. Zuvor ein paar Anmerkungen zur Wirkungsstätte von Johann Strauss (Sohn) und zum Wiener Umfeld.

22 Jahre nach seinem Tod setzte die Stadt Wien dem „deutschen“ Wiener ein Denkmal. Zur Einweihung erklang sein Walzer An der schönen blauen Donau.

Seitdem steht nun der vergoldete Meister über hundert Jahre in Wien geigend unter einem Marmorbogen. Wenn das Gold zwischenzeitlich immer wieder erneuert werden musste, dann wurde die Original-Statue durch eine Ersatzfigur gedoubelt. Denn auf das begehrteste Fotomotiv für Wien-Touristen konnte nicht verzichtet werden. Strauss gehört eben untrennbar zu Wien. Nach der letzten Restaurierung meldete der ORF: Im Stadtpark geigt wieder der Original-Schani.

Austrian Airlines Walzer 0 9 2012 Ausschnitt
Werbe-Ikone Strauss: Ausschnitt aus einer Zeitungsannonce für Austrian Airlines, 2012

Die Wiener nannten den berühmtesten Vertreter der Strauss-Familiendynastie kumpelhaft Schani. Nach dem Motto: Er war einer von uns und wird immer einer von uns bleiben. Der junge Strauss wurde von allen, auch den unteren gesellschaftlichen Schichten, geliebt, im Gegensatz zu seinem Vater, dessen Anhänger eher aus gehobenem Bürgertum und Adel kamen.

Das Verhältnis von Vater und Sohn war – vorsichtig ausgedrückt – angespannt. Der Vater hatte die Mutter Anna verlassen, als sie mit dem sechsten Kind schwanger war. Mit seiner neuen Partnerin zeugte er weitere acht Kinder. Er versuchte mit allen Mitteln zu verhindern, dass sein Sohn Musiker wurde. Doch der junge Strauss wurde, mit massiver Unterstützung der Mutter, Musiker und noch erfolgreicher als sein Vater.

Strauss Jean Ausschnitt
Der Vater auf Ansichtskarte: Jean Strauss

Der alte Strauss war neben Joseph Lanner der tonangebende Komponist und Tanzkapellenchef in Wien. Als 1843 nach dem Tod Lanners ein neuer Musikdirektor gesucht wurde, setzte der Vater erneut alles in Bewegung um zu verhindern, dass sein Sohn die Stelle bekam. Auch das misslang. Der unaufhaltsame Aufstieg des jungen Strauss war nicht mehr zu stoppen. Nach dem Tod des Vaters 1849 übernahm der Sohn die Kapelle des Vaters.

Auf zahlreichen Konzertreisen wurde er begeistert aufgenommen und gefeiert. Obwohl er ein europaweit bekannter Star-Musiker war, wurde ihm der Titel des k. k. Hofball Musikdirektors mehrfach versagt. Am Hof nahm man ihm seine Haltung während der Märzrevolution 1848 übel, Kompositionen wie die Freiheitslieder und den Revolutionsmarsch mochte man nicht hören. Erst 1863 erhielt er dann doch den Titel eines k. k. Hofball Musikdirektors. Der unbezahlte Ehrentitel machte sich gut als Aufdruck auf Notenausgaben, was wiederum gut fürs Geschäft war.  

Als Strauss 1862 die Sängerin Henriette Chalupetzky heiratete, war er zur unangefochtenen Nummer eins im Wiener Musikbetrieb aufgestiegen. Nach dem Tod (1878) seiner acht Jahre älteren Ehefrau hat Strauss schon wenige Wochen später wieder geheiratet. Diesmal eine 25 Jahre jüngere Frau, die Schauspielerin Angelika Dittrich. Die zweite Ehe ging schon nach wenigen Jahren in die Brüche. Die junge Schauspielerin begann ein Techtelmechtel mit dem Theaterdirektor Franz Steiner, der sogar dreißig Jahre jünger war als ihr Noch-Ehemann. Unter Steiners Leitung des Theaters an der Wien waren auch mehrere Strauss-Operetten uraufgeführt worden.

Als Strauss dann eine dritte Ehe mit der jungen Witwe Adele Deutsch eingehen wollte, hatte er ein Problem. Eine Scheidung von seiner zweiten Frau war nicht möglich, da das österreichische Recht an das katholische Kirchenrecht gebunden war. Für die Katholiken gab es die Auflösung einer Ehe nur durch Tod. Strauss sah einen einzigen Ausweg: Er verließ die katholische und trat zur evangelischen Kirche über. Außerdem beantragte der Wiener Star-Musiker den „unbedingten Austritt aus dem österreichischen Staatsverbande … zum Zwecke der Erwerbung des sächsischen Staatsbürgerrechts“ (zitiert nach der rororo Strauss-Monographie von Norbert Linke, S. 138). Gleichzeitig bemühte sich Strauss um die deutsche Staatsbürgerschaft. 1886 erhielt er die Zusage, als Bürger des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha aufgenommen zu werden. Somit wurde er automatisch zum deutschen Reichsbürger.

Ein unglaublicher Schritt. Unfassbar: die Wiener Ikone Strauss wird zum Deutschen!

Und was passierte in Wien? Kein Shitstorm, keine Kampagne in der Presse, lediglich ein paar kritische Stimmen, die sich über Sitte und Anstand Sorgen machten. Die Wiener Bevölkerung hat es ihrem Schani anscheinend nicht krummgenommen.

Gelebt und gewirkt hat Johann Strauss von seiner Geburt 1825 bis zum Tod 1899 in Wien. Gestorben ist der Wiener Walzerkönig allerdings tatsächlich als deutscher Reichsbürger.

Übrigens …
… wurde die Musik von Strauss ab 1876 von einem deutschen (!) Musikverlag vertrieben. Der umtriebige Hamburger Verleger August Alwin Cranz hatte den Wiener Verlag C. W. Spina aufgekauft und sich damit gleichzeitig die Vermarktung der kompletten Strauß-Dynastie gesichert.

Strauss Gedicht Weissbrodt
Ansichtskarte mit Strauss-Gedicht von Gustav Weissbrodt



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