- Sonderausstellung Schlagerblätter. Graphik auf Notentiteln vom 9. Oktober bis 6. Dezember 1970 im Focke-Museum, Bremen.
- Hefte des Focke-Museums Nr. 26. Einführungstext von Heinz-Wilhelm Haase
- Die Ausstellung basiert auf der Sammlung des Museums-Mitarbeiters Günther Kruse.

Von der Ausstellung in meiner Heimatstadt Bremen habe ich erst ein halbes Jahrhundert später erfahren, als ich zufällig in einem Antiquariat das kleine Begleitheft Schlagerblätter. Graphik auf Notentiteln entdeckte. 1970, während meiner Studienzeit an der Musikhochschule in Hannover, hätte mich die Gestaltung von Notenausgaben wohl auch nicht interessiert. Obwohl, ganz so kann das wohl auch nicht gewesen sein, denn es war genau die Zeit, in der ich die ersten farbigen Schlagerblätter auf Flohmärkten für ein paar Mark erworben habe. Ich hatte mir keine Gedanken gemacht, warum mich die Noten-Titelblätter damals angesprochen und zum Kauf verführt haben. Rückblickend lässt sich sagen, dass auch ein halbes Jahrhundert später immer noch funktionierte, was Grafiker mit ihren farbigen Lithografien in den 20er-Jahren bezweckt hatten: Menschen zum Kauf der Noten zu animieren.
Eine Beschäftigung mit Schlagern als Teil der populären Musikkultur war während der Studienzeit kein Thema. In musikpädagogischen Seminaren wurde zaghaft darüber nachgedacht, ob auch Popmusik Gegenstand des Musikunterrichts sein könne, was dann meist bei den Beatles und den Bachtrompeten in Penny Lane endete. Im Fahrwasser der Studentenbewegung an den Universitäten begann man an den „verschlafenen“ Musikhochschulen, sich nach und nach auch mit den gesellschaftlichen Funktionen von Musik zu beschäftigen. Schriften zur Kulturindustrie von Horkheimer und Adorno wurden gelesen und die eigene Rolle im Musikbetrieb reflektiert.
Alle Sparten einer auf Profit angelegten Musikindustrie wurden kapitalismuskritisch hinterfragt: Plattenkonzerne, Konzertagenturen, Musikinstrumentenindustrie, Massenmedien Rundfunk und TV, Musikverlage und die Werbung für Musik. Mit zentralen Begriffen aus der Politischen Ökonomie wie Gebrauchswert und Tauschwert ging es der Werbung an den Kragen, das Schlagwort vom „ästhetischen Gebrauchswertversprechen“ machte die Runde. Den theoretischen Background dazu hatte 1970/71 Wolfgang Fritz Haug mit seiner „Kritik der Warenästhetik“ geliefert.
Neben der Print-, Film- und TV-Werbung rückte auch die Verpackung und Präsentation von Waren in den Fokus. Man begann, sich für die grafische Gestaltung von Plattencovern zu interessieren. Über Notendrucke und das „ästhetische Gebrauchswertversprechen“ von verführerischen Notentitelblättern wurde allerdings kein Wort verloren. Das mag vielleicht auf daran gelegen haben, dass derzeit die Gestaltung der Notencover auf einem Tiefpunkt angekommen war. Die Blätter waren um 1970 einfach nur langweilig und belanglos.
In diesem Umfeld schien die Bremer Ausstellung etwas aus der Zeit gefallen zu sein.

Wie aus dem Vorwort zum Begleitheft hervorgeht, hatte sich das Focke-Museum bereits in den 60er-Jahren mit Teilgebieten der angewandten Grafik befasst, 1966 mit einer Ausstellung zu Buchumschlägen von Celestino Piatti und 1967 mit frühen Berliner Plakaten. Auf die Notentitel kam man zufällig, weil ein Mitarbeiter des Hauses, Günther Kruse, privat Notenblätter gesammelt hatte. Kruse war beim Museum als Zeichner in der Abteilung Vor- und Frühgeschichte angestellt. Somit kam er mit seinem privaten Sammel-Hobby nicht seinem Arbeitgeber in die Quere. Darauf im Vorwort hinzuweisen, ist dem Direktor des Museums, Werner Kloos, ein wichtiges Anliegen:
Als Mitarbeiter sei es Kruse verwehrt gewesen, sich einem der herkömmlichen Sammelgebiete zu widmen, denn es ist Museumsleuten verwehrt, private Objekte zu sammeln, die zum Bereich des eigenen Instituts gehören. Günther Kruses Liebe gehört der neueren Unterhaltungsmusik, sein Hobby sind die Schlager-Blätter, das graphische Gewand der Noten-Editionen, eine der vielfältigen Möglichkeiten angewandter Graphik (…).
Die Einführung des Herausgebers und Kurators Heinz-Wilhelm Haase bietet eine kompakte Zusammenfassung zum Ausstellungsthema Schlagerblätter. Graphik auf Notentiteln. Interessant ist, welche Grafiker er namentlich nennt. Zur Gruppe der prominenten Künstler zählt er:
- Ludwig Hohlwein
- Julius Klinger
- Edmund Edel
- Ludwig Kainer
- César Klein
- Hermann Hirzel
- Paul Scheurich
- Arthur Johnson
- Hubert Woyty-Wimmer
- Otto Nowak.
Zu allen prominenten Grafikern liefert Haase auch Vornamen und Lebensdaten. Bei einer zweiten Gruppe mit den weniger bekannten Künstlern findet man dann keine Lebensdaten mehr, auch die Vornamen waren ihm anscheinend nicht von allen bekannt:
Der weitaus größere Teil der Schlagerblätter stammt von weniger bekannt gewordenen Graphikern, die anscheinend auf diesen Teil der Gebrauchsgraphik als feste Mitarbeiter der Verlage spezialisiert waren. Da ist für Deutschland der sehr vielseitige Telemann zu nennen, neben ihm Otto Dely, Ortmann und Pindur. Auf vielen amerikanischen Blättern erscheinen die Namen Starmer und John Frew, die am meisten beschäftigten Pariser Entwerfer sind Würth und L. Pousthomis.




