Raus mit den Männern aus´m Sobran

Erstes Deutsches Arbeiter-Sängerbundfest 1928

Vom 16. bis 18. Juni 1928 fand in Hannover das Erste Deutsche Arbeiter-Sängerbundfest statt. 70 Jahre danach erinnerte Heinrich Sievers in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung an dieses Großereignis:

„Das war dem Reporter des Hannoverschen Anzeigers noch nie passiert. Er wurde rot wie ein Mädchen. Diese junge Sopranistin aus Leipzig nahm einfach kein Blatt vor den Mund: „Die Männer müssen hier aber raus! Oder gehörn Se etwa noch zum Sobran?“ Nein, natürlich gehörte er nicht zum Sopran. Aber schließlich hatte er noch nie in einem solch großen, gemischten Chor gesungen, wie es ihn am 16. Juni 1928 – also vor ziemlich genau 70 Jahren – beim Ersten Deutschen Arbeiter-Sänger-Bundesfest gab.“
(HAZ, 15.6.1998)

Wer dieser unbekannte Reporter war, bleibt ein Geheimnis. Könnte es vielleicht der 89-jährige Autor des Artikels selbst gewesen sein? Das ist zwar unwahrscheinlich, aber zuzutrauen wäre es dem emeritierten Musikgeschichtsprofessor Sievers, der in seinen Lehrveranstaltungen immer mit amüsanten Anekdoten die trockene Musikgeschichte kurzweilig zu vermitteln wusste. Unvergesslich bleiben seine Anmerkungen zum Männerchorwesen in der Stadtgesellschaft im 19. Jahrhundert. Mit plastischen Beipielen schilderte er, welche gesellschaftlichen Nachteile es für einen Kaufmann haben konnte, wenn er sich der Mitgliedschaft im städtischen Männerchor verweigerte.

Großereignis in Hannover

Sievers berichtet von 50 000 Mitgliedern des Arbeiter Sängerbundes (A.S.B.), die in Sonderzügen zu dem Großereignis nach Hannover angereist waren. „Auf dem Bahnhof wurden die Sangesbrüder von Mitgliedern des Festausschusses und an der Fürstenrampe von vier Herolden mit Fanfaren begrüßt.“

Feierlicher Empfang vor dem Alten Rathaus
Feierlicher Empfang vor dem Alten Rathaus mit Fahnen und Fanfaren

Die Durchführung des Sängerbundfestes war eine große logistische Aufgabe sowohl für die gastgebende Stadt als auch für den Festausschuss. Zum einen mussten für 50 000 Menschen Übernachtungsmöglichkeiten organisiert werden, zum anderen mussten die zahlreichen Proben und Konzerte auf nur drei Tage verteilt werden. Alle wichtigen Informationen waren in dem vom A.S.B. herausgegebenen 160 Seiten starken Festbuch [1] zusammengefasst. Neben Orts- und Zeitangaben zu allen Konzerten enthielt die Schrift auch klare Anweisungen zur Einhaltung der Probenzeiten bis hin zu Regelungen beim Aufstellen und Abtreten der Chöre:

Alle Zeiten sind unbedingt einzuhalten, auch die zur Verfügung gestellte Zeit zu den Werbekonzerten. Die in Kuppelsaal und Ausstellungshalle angesetzten Proben sind auf die Minute einzuhalten. Chorwiederholungen und Zugaben sind bei Aufführungen nicht gestattet.
Singen mehre Vereine oder Gaue in einem Konzert, so hat das Auf- und Abtreten geräuschlos und reibungslos zu geschehen. Störungen sind auf alle Fälle zu vermeiden. Der Weisungen der Ordner oder Anordnungen der Mitglieder vom Musikausschuß Hannover (durch besondere Abzeichen erkenntlich) ist unbedingt Folge zu leisten.
(Festbuch, S. 32) .

DAS Graphischer GesVer Bielefeld 1928
Zeitplan für Mitglieder des Graphischen Gesangvereins Bielefeld

A.S.B. und D.S.B.

Für die Arbeiter-Sänger vom A.S.B. war es das erstes Bundesfest, während die bürgerlichen Gesangvereine vom Deutschen Sängerbund (D.S.B.) schon auf neun nationale Feste zurückblicken konnten. Vier Jahre zuvor (23.-26. August 1924) waren sie ebenfalls in Hannover mit ihrem 9. Deutschen Sänger-Bundesfest zu Gast gewesen. Ihr 10. Treffen fand vom 19. bis 22. Juli 1928 in Wien statt – also nur einen Monat nach dem Sängerfest des A.S.B. und mit dreimal so vielen Teilnehmern. Wien war offiziell aus Anlass des Schubert-Jahres gewählt worden. Aber es spielten noch andere Motive bei der Wahl des Austragungsortes eine Rolle. Der Ruf nach einem Großdeutschland war nicht zu überhören und auch der Begriff Alldeutschland machte die Runde. Zehn Jahre später sollte es dann so weit sein. Österreich wurde im März 1938 dem deutschen Reich einverleibt, was als sogenannte Wiedervereinigung gefeiert und von Teilen der Bevölkerung beklatscht wurde.

Feldmusik der deutschen Arbeiterschaft

Der Arbeiter-Sängerbund wollte sich mit dem Festval in Hannover bewusst von den bürgerlichen Sängerfesten abgrenzen. Dazu schreibt der Künstlerische Beirat des D.A.S., Dr. Alfred Guttmann (auch Herausgeber der Chorsammlung des D.A.S.), in der Festschrift:
Die allgemeine Bedeutung des 1. Arbeiter-Sängerbundesfestes beruht auf der spezifischen Note: unsere Sänger sind Proletarier. Es durfte also keine Maskerade, keine Nachahmung spießbürgerlicher Musikfeste werden (…). (S. 24)

Sangesbruder August Kirch lobt in seinem Geleitwort die Einigkeit der deutschen Arbeiterschaft:
Jene Einigkeit, die auch die deutsche Arbeiterschaft groß und stark gemacht hat, durch die auch wir groß geworden sind, und die uns den Weg zeigt als stärkstes Glied in der Kette der Arbeiter-Bildungsbestrebungen auch weiterhin unsere Pflicht zu tun, mit dem Ausklang: „Wir waren, wir sind und wir bleiben die Feldmusik der deutscher Arbeiterschaft!“ (S. 8)

Bei ihren Konzertprogrammen gab es zwischen dem Deutschen Arbeiter-Sängerbund und dem Deutschen Sängerbund durchaus Überschneidungen. Vor allem Volkslied-Sätze und Chorwerke bekannter Komponisten aus Barock, Klassik und Romantik, insbesondere Schubert-Chöre, standen in beiden Lagern hoch im Kurs.

Die künstlerischen Veranstaltungen in Hannover teilt Guttmann in vier Gruppen ein:
– Das Massensingen im Stadion (einfaches Programm mit zahlreichen Tendenzliedern).
– Die Werbekonzerte (mit propagandistischer Tendenz).
– 16 Spitzenkonzerte (sollen Höchstleitungen innerhalb des D.A.S. darstellen, auch mit Orchestern).
– Die Saalkonzerte (Einzelkonzerte in kleinerem Maßstabe ohne Orchester).

Programme der Chorkonzerte

Bei den 20 Chorkonzerten des ASB-Festes in Hannover war Schubert viermal vertreten, darunter mit zwei Gedenkkonzerten, die ausschließlich ihm gewidmet waren. Die Titel der 20 Chorkonzert lauteten:

  1. Chorkonzert: Aus Kinder- und Jugendchorsammlungen, Männerchöre
  2. Chorkonzert: Madrigale und Volkslieder
  3. Chorkonzert: Madrigale
  4. Chorkonzert: Chöre von Schubert, Lendvai, Malden, Trunk und Scherchen
  5. Chorkonzert: Männerchöre der Gegenwart
  6. Chorkonzert:  Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy
  7. Chorkonzert: Internationale Volkslieder
  8. Chorkonzert: Kampf-, Kunst- und Volkslieder
  9. Chorkonzert: Zum Gedenken Franz Schubert
10. Chorkonzert: Volkslieder und Madrigale
11. Chorkonzert: Chöre von Schubert, Nicodé, Cornelius, Kaun, Lendvai, Malden, Knöchel
12. Chorkonzert: Gesang, Musik und Tanz der Jugend
13. Chorkonzert: Arbeits-, Kampf- und Freiheitslieder zeitgenössischer Tonsetzer
14. Chorkonzert: Zum Gedenken Franz Schubert
15. Chorkonzert: Süddeutscher Abend
16. Chorkonzert: Geistliche Musik: Bach, Frescobaldi, Palestrina u.a.
17. Chorkonzert: Werke von Erwin Lendwai: Kampfgesänge, Frauenchöre
18. Chorkonzert: Kinderchorkonzert
19. Chorkonzert: Volkslieder, Madrigale und Kampflieder
20. Chorkonzert: Chöre von Loewe und Mendelssohn-Bartholdy

In dem Festbuch des D.A.S. werden zwei Komponisten durch Textbeiträge besonders herausgehoben: der vor 100 Jahren verstorbene Franz Schubert und Gustav Adolf Uthmann, der am 22. Juni 1920 im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung gestorben war. Uthmann hatte mit seinen Tendenzliedern großen Einfluss auf die Arbeiter-Sängerbewegung, die Qualität seiner Lieder war aber auch im A.S.B. umstritten.

Uthmann DAS Programm S 17
Gustav Adolf Uthmann, Programm, S. 17

Tendenzlieder und Kampfgesänge

Der Dirigent Walter Hänel beschließt seinen Beitrag über Wege zu vorbildlicher Programmgestaltung im Festbuch:
Noch ein Wort der Pflege des Tendenzchores. Solange die Arbeiterschaft sich ihre freiheitliche Gesinnung erhalten wird, wird sie auch ihre Kampfgesänge pflegen. Wir haben heute Dichter und Komponisten, die sich mit uns verbunden fühlen. Wir verdanken Hermann Scherchen: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, Michel Englert: „Wann wir schreiten“, „Hebt unsere Fahnen in den Wind“ und andere, Melodien, die sich bereits überall im Volke verbreitet finden.
(S. 113)

Und zu Uthmann schreibt er:
Einen aber wollen wir hier nicht vergessen, der in schwerer Zeit aus Überzeugung, aus innerstem Drang zu uns sich zu schlagen Mut und Kraft fand: Gustav Adolf Uthmann. Es gilt hier nicht, zu untersuchen, welchen musikalischen Wert seine Chöre besitzen; es genügt, zu wissen: er war in einer Zeit bei uns, als sich kein anderer fand. Deshalb singen wir auch heute noch seine Gesänge in unseren Kampf- und Freiheitsliederabenden und an den politischen Festtagen der Arbeiterschaft. (S. 113)

Das Massenchor-Konzert im Stadion auf der Bult am Sonntag, an dem alle Sängerinnen und Sänger verpflichtend teilzunehmen hatten, die nicht anderweitig in Proben beschäftigt waren, stand ganz im Zeichen der Kampf- und Tendenzlieder. Nicht fehlen durften Internationale, Morgenrot, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Wann wir schreiten Seit an Seit. Zum Abschluss wurden die beiden Männerchöre von Uthmann Sturm und Tord Foleson (siehe Programm) gesungen. Zu dem Konzert gab es im Programmheft auf S. 12 einen Aufstellungsplan mit Erläuterungen.

Siebzig Jahre danach wird dieses denkwürdige Stadion-Konzert in dem Zeitungsbericht von 1998 so eingeordnet:
Alles strömte zum Stadion, wo es ein Massenchorsingen gab, mit dem die Arbeiterschaft „Zeugnis ablegen wollte von den kulturellen Kräften, die in der Deutschen Arbeiterschaft schlummern“.
Einigkeit über den sozialen Stand hinaus war das Ziel. Der Gesang sollte zum zweiten verbindenden Merkmal der Arbeiter werden, denn: „Das Vertrautwerden möglichst vieler mit den großen überragenden Schöpfungen der Kunst, das jeder Verantwortungsbewußte erstreben helfen muß, ist jedenfalls ein Weg, der dazu führen könnte, bisherige verhängnisvolle Zwiespältigkeiten zu überwinden und zum Bewußtsein des großen Ganzen vorzudringen.“

Frauen im Arbeiter-Sängerbund

DAS Bundesvorstand S 32 g
D.A.S. Bundesvorstand, einzige Frau Helene Eggers, S. 32

Bleibt zum Schluss noch die Frage: Welche Rolle spielten 1928 eigentlich die Frauen in den Sängerbünden? In seinem Beitrag über Die Bedeutung und Entwicklung unserer Volkschöre befasst sich Dr. Ernst Zander aus Berlin im Festbuch auch mit den Frauen in der Bewegung. Lag ihr Anteil vor dem Ersten Weltkrieg bei ca. 15% (104 000 Mitglieder, davon 16 000 Frauen), so stieg ihr Anteil 1920 auf ca. 22% (156 000 Mitglieder, davon 34 000 Frauen). Bis zum Sängerfest 1928 blieb der Frauenanteil konstant bei ungefähr 22,5%.

Zu sagen hatten die Frauen in der Verbandspolitik des D.A.S. offensichtlich wenig bis gar nichts. Das kommt auch in der Festschrift deutlich zum Ausdruck. Dort gibt es 66 Porträtfotos von Männern mit Angabe ihrer Funktionen (Mitglieder im Bundesvorstand, Ausschussvorsitzende, Mitglieder von Musik- und Festausschuss, Dirigenten, Komponisten usw.). Dem gegenüber steht ein einziges (!) Foto einer Frau, das Helene Eggers vom D.A.S. Bundesvorstand zeigt .

Der Zug der Emanzipation hatte in den 20er-Jahren an Fahrt zugelegt, um den Arbeiter-Sängerbund hatte er anscheinend einen Bogen gemacht.

Raus mit den Männern

Unter dem Emanzipations-Aspekt hatte die kolportierte Geschichte von der Sopranistin aus Sachsen, die den Mann aus´m Sopran rausschmeißt, sogar etwas Befreiendes, obwohl der Ausruf Die Männer müssen hier raus! nicht politisch gemeint war. Dem Knabenalter entwachsene Männer hatten in der Tat nichts im Sopran zu suchen.

Durchaus politisch gemeint war dagegen der Titel eines Revue-Schlagers aus der Zeit, mit dem eine populäre Volkssängerin durch die Lande zog. Aus der schlichten Feststellung Es weht durch die ganze Historie ein Zug der Emanzipation leitete Claire Waldoff eine klare Forderung ab und gab die Parole aus: Raus mit den Männern aus dem Reichstag!
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[1] Das Festbuch Erstes Deutsches Arbeiter-Sängerbundfest in Hannover ist 1928 im Verlag Deutscher Arbeitersängerbund erschienen. Auszüge aus dem Festbuch und weitere Informationen finden Sie im Digitalen Stadtteilarchiv Linden-Limmer.

DAS Festbuch 1928 Titel

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