Zu den typischen Möbelstücken der Fünfziger Jahre zählen neben Nierentisch und Cocktailsessel zweifellos auch spezielle Musikmöbel wie Musikschrank und Musiktruhe. Genauso wie der Traum vom eigenen Auto für die meisten Menschen eben nur ein Traum war, so waren die mit Radio und Plattenspieler ausgestatteten Kombigeräte nur auf Abbildungen als Objekt der Begierde zu betrachten. Leisten konnten sich diese Schmuckstücke für das Heim nur wenige.
Zu Beginn der Fünfziger war die Mediennutzung in Bezug auf Musik noch ausschließlich auf das Hören ausgerichtet. Erst ab Weihnachten 1952 bekamen Rundfunk und Schallplatte mit dem öffentlichen Fernsehen eine Konkurrenz, die die visuelle Komponente mit ins Spiel brachte. Wenn überhaupt ein Medium in einem Haushalt vorhanden war, dann höchstens ein Radio. Plattenspieler hingegen gehörten in der ersten Hälfte des Jahrzehnts immer noch zu den Luxusartikeln. Das änderte sich nur langsam, als mit den Vinyl-Platten auch preiswertere Kofferplattenspieler auf den Markt kamen. Aber auch diese Geräte hatten noch ihren stolzen Preis, zumal wenn sie mit einem Plattenwechsler ausgestattet waren. 1955 kostete der kleine Phono-Koffer Electrola-Zwerg 178,50 Mark (Der gute Ton 12/1955).
In den Anfangsjahren des sogenannten Wirtschaftswunders dienten die teureren Musikschränke als Prestigemöbel, vor allem für Neureiche, die es nötig hatten, mit ihrem schnellen Wohlstand anzugeben. Wer konnte schon fast 1000.- Mark für eine Musiktruhe ausgeben? Das Spitzenmodell von Polydor mit Zehnplattenwechsler, die Musiktruhe T 303, wurde 1955 für 998.- Mark angeboten. Eine Familie mit zwei Kindern musste im Schnitt mit ungefähr 470.- Mark im Monat auskommen. Der Spiegel berichtete, dass der Durchschnittslohn von Mai 1954 bis Mai 1956 von 1,65 Mark je Arbeitsstunde auf 1,76 gestiegen war (13.9.1955). Auch Schallplatten konnte sich nicht jeder leisten. Immerhin kostete eine 45er-Schlagerplatte mehr als einen zweifachen Durchschnitts-Stundenlohn (siehe Plattenpreise 1955).
Will man etwas über den Zeitgeist der Fünfziger Jahre erfahren, kann man (kluge) Texte über den Beginn des Wirtschaftswunders studieren. Man kann aber auch mal einen anderen Weg wählen, indem man Zeitschriften-Annoncen auf sich wirken lässt und dazu entsprechende Musikausschnitte hört. Das verspricht eine besonders intensive sinnliche Erfahrung.
Dazu bieten sich fünf ausgewählte Beispiele aus Polydor-Musikrevue-Ausgaben der Jahre 1954/55 an. Diese Werbeblättchen gab es kostenlos in Musik- und Radiofachgeschäften, sie dienten in erster Linie der Information über Neuerscheinungen auf dem Schallplattenmarkt.
Interessanterweise findet sich in jeder Ausgabe eine ganzseitige Anzeige für ein exorbitant teures Polydor-Musikmöbel, großformatig ins rechte Licht gerückt. Einige Anzeigen werden mit Personen in Verbindung gebracht, die auch als Künstlerinnen und Künstler Polydor-Schallplatten herausgebracht haben. Das trifft auf die folgenden fünf Beispiele zu, wodurch die Auswahl der passenden Musikbeispiele auch relativ leicht war.
Beispiel 1, Musikrevue 1/1954:
Polydor-Musiktruhe W 540 / M 3 mit dreitourigem POLYDOR-Einfachlaufwerk DM 598.— und
Polydor-Musiktruhe W 540 / M 30 mit dem dreitourigem POLYDOR-Zehnplattenwechsler DM 688.—
Präsentiert von Renee Franke, dazu HB Sailor´s Boogie.

Anzeigentext:
Hier hört sich Renée Franke selbst. Im „Sailor’s Boogie“, einem ihrer neuesten Schlager. Überrascht ist sie, wie gut es aus der Polydor-Musiktruhe klingt. Die besonders abgestimmte Anpassung des Kristallsystems an den speziell konstruierten Acht-Röhren-Super gewährleistet eine ganz hervorragende Wiedergabe. Form und Ausstattung stehen dem Ton nicht nach. Ein Schmuckstück für Ihr Heim.
Präsentiert wird das Schmuckstück für ihr Heim von der Sängerin Renée Franke (1928-2011), die kurz zuvor den Sailor´s Boogie als Polydor Schallplatte herausgebracht hatte. Begleitet wurde sie vom RIAS-Tanzorchester Berlin, das von Werner Müller kurz nach dem Krieg gegründet worden war.
Bekannt geworden war Renée Franke mit dem Hit C’est si bon.
Beispiel 2, Musikrevue 2/1954:
POLYDOR-Musikschrank W 63/3 mit dreitourigem POLYDOR-Einfachlaufwerk W 3340 DM 343,—
POLYDOR-Musikschrank W 63/30 mit dreitourigem POLYDOR-Zehnplattenwechsler PW 31 DM 433,—
Präsentiert von Cornelia Froboes, dazu HB Pack die Badehose ein.

Anzeigentext oben:
Ein neues Gerät, dunkel nußbaum furniert, mit hochglanzpolierten, praktischen Falt-Türen. Bestechend die Eleganz der Formen und die überraschende Geräumigkeit — Platz für etwa 170 Schallplatten aller Größen. Ein modernes Möbelstück für den anspruchsvollen Musikfreund. Auf dem Schrank die neue SIEMENS-Schatulle H 42.
Anzeigentext unten:
„Es war einmal . . .“ Zauberworte für jedes Kind, auch für unsere kleine Cornelia. POLYDOR bringt allen Freude mit den neuen klingenden Märchen in den farbenprächtigen Alben.
Bei Erscheinen dieser Anzeige (2/1954) war Cornelia Froboes erst 10 Jahre alt. Zum bekannten Kinderstar wurde sie schon als Siebenjährige durch die Aufnahme eines Liedes, das ihr Vater Gerhard Froboes ursprünglich für die Schöneberger Sängerknaben geschrieben hatte: Pack die Badehose ein. Als Conny oder Cornelia war sie der erste Kinderstar in der Schlagergeschichte der Bundesrepublik. Ihr Tagesablauf wurde 1954 in Heft 6 der Arcadia Starparade so beschrieben:
Wie sieht nun der Alltag unterwegs aus? Cornelias Tageslauf beginnt mit dem Aufstehen gegen 9.00 Uhr. Danach wird gefrühstückt, und dann nimmt Cornelia ihre Schulsachen unter den Arm und geht zu ihrer Lehrerin. Wenn dieser Unterricht auch im Hotelzimmer stattfindet, so wird hier doch genau so intensiv wie in der Schule gearbeitet. Zwei bis drei Stunden täglich, auch sonntags, aber dafür braucht sie keine Schularbeiten zu machen.
(…)
Abends gegen 19.00 Uhr wird das Abendbrot eingenommen. Dann beginnen die Vorbereitungen für den Auftritt. Dieser liegt meistens gegen 21.00 Uhr, damit es für das kleine Mädchen nicht zu spät wird. Vor jedem Auftritt macht erst Mutti und dann Pappi »toi, toi, toi«. Wenn es dann einmal nicht richtig klappt, beschwert sich Cornelia: »Ihr habt Eure Sache nicht gut gemacht.« Am wohlsten fühlt sich die kleine Range auf der Bühne, wenn das Publikum trampelt, pfeift und jubelt. »Die waren aber heute wieder einmal nett zu mir«, sagt sie dann. Nach ihrem Auftritt wird Cornelia sofort nach Hause gebracht und ins Bett gesteckt.
(zit. nach Das Große Schlager-Buch, herausgegeben von Monika Sperr, München 1978, S. 251)
Übrigens war Pack die Badehose ein die erste Schallplatte, die ich als Kind vorgespielt bekam. Der Verlobte meiner Tante, ein glühender Jazz-Fan, hatte sehr viele Schallplatten, darunter eben auch einige Schlager-Platten. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals war, aber es muss einige Zeit vor der Einschulung gewesen sein. Ich weiß aber noch sehr genau, wie absolut fasziniert ich davon war, dass aus dem Plattenspieler, auf dem sich die Scheibe drehte, Musik herauskam.
Die Bekanntheit des Titels Pack die Badehose ein hat sich über Jahrzehnte gehalten. In der Anzeigenwerbung finden sich dazu zwei Beispiele:
C&A Bademoden, 1998 und
Austrian Airlines, 1999.
Beispiel 3, Musikrevue 5/1955:
Musiktruhe W 506 / M 3 mit 4 Lautsprechern und Polydor-Einfachlaufwerk W 3340 . . . DM 643.—
Musiktruhe W 560 / M 30 mit 4 Lautsprechern und Polydor-Zehnplattenwechsler PW 6 . . . DM 733.—
Präsentiert von Rudi Schuricke, dazu HB Ein Lied aus Paris (Moulin Rouge).

Anzeigentext:
Die neue Polydor-Musiktruhe mit Raumton im Urteil unserer Künstler-Prominenz: Rudi Schuricke und seine Gattin schätzen daran besonders die wunderbare Plastik des Tones.
Bei Rudi Schuricke denkt man natürlich zuerst an die rote Sonne, die bei Capri im Meer versinkt. Der deutsche Italo-Schlager wurde bereits 1941 von Ralph Maria Siegel und Gerhard Winkler geschrieben und 1943 von Schuricke auf Platte herausgebracht. Nach dem Sturz Mussolinis waren die beliebten Italien-Lieder aber nicht mehr angesagt, also waren auch im Rundfunk keine Capri-Fischer mehr zu hören. Erst nach dem Krieg wurde die Schuricke-Aufnahme der Capri-Fischer zu einem Riesen-Hit.
Obwohl der Sänger und Schauspieler Schuricke in den Vierziger Jahren zahlreiche Aufnahmen mit bekannten Swing-Orchestern gemacht hat, ist er vor allem als Schlager- und Schnulzen-Sänger bekannt geworden. Nicht ganz unschuldig daran sind u. a. auch Titel wie der (extrem) langsame Walzer Ein Lied aus Paris (Moulin Rouge).
Beispiel 4, Musikrevue 7/1955:
Modell V 101 DM 328,— mit dreitourigem Polydor-Einfachlaufwerk W 3330
Modell V 103 DM 398,— mit dreitourigem Polydor – Zehnplattenwechsler PW 6 oder Zehnplattenwechsler 1002
Präsentiert von Helmut Zacharias, dazu HB Wenn der weiße Flieder (Zacharias mit seinen Magic Violins).

Anzeigentext:
Helmut Zacharias spielt hier einmal nur für seine Gattin, für Sylvia und Thomas, begleitet von seinen eigenen Schallplatten.
Im häuslichen Rahmen tritt Zacharias alleine auf, für die Aufnahme des Titels Wenn der weiße Flieder hat er sich Unterstützung geholt von seinen magischen Geigern, den Magic Violins. Seine Liebe zum Swing, die er schon während der Nazizeit pflegte, lässt sich auch bei dieser Aufnahme nicht verleugnen.
Der Schlager Wenn der weiße Flieder wieder blüht wurde in den 1920er-Jahren geschrieben. Zu dem populären Titel gab es auch zwei Filme, eine Stummfilmromanze aus dem Jahre 1929 und einen Schlager-Film aus dem Jahre 1953.
Beispiel 5, Musikrevue 9/1955:
POLYDOR-Musiktruhe T 303 DM 998,—
Präsentiert von Illo Schieder, dazu HB Sieben einsame Tage.

Anzeigentext:
„Kinder, ist das wieder heiß“, seufzte Illo Schieder, als sie „Sieben Tage lang“ nach einer Musiktruhe gesucht hatte. „Das wünsche ich mir von dir“: Wohlklang, Eleganz und Komfort. Die POLYDOR-Musiktruhe T 303 erfüllte ihr diese Wünsche. „Du gefällst mir gut“ war ihr begeistertes Urteil.
Ein interessantes Detail der Anzeige fällt zuerst gar nicht auf. Viele Musikschränke hatten nicht nur ein Fach für einige Schallplatten, sondern auch noch eines für Flaschen und Gläser, also so eine Art Minibar (hier auf der rechten Seite). Neben dem Alkohol spielte damals das Nikotin eine ebenso wichtige Rolle. Die Künstlerin Illo Schieder sitzt im wunderschön geschwungenen 50er-Jahre Sessel, in der rechten Hand eine Zigarette. Wo hat sie nur den Aschenbecher gelassen? Da gab es in den 50er-Jahren ganz spezielle Designer-Stücke. Auf der Musiktruhe wäre nicht nur genügend Platz für ein 5er-Achschenbecher-Set mit Ständer gewesen, sondern auch noch für Zigarettenspender und Salzstangenhalter.
Eigentlich wollte Ilse-Lotte Dissmann, unter dem Namen Illo Schieder bekannte Schlagersängerin der 50er-Jahre, Opernsängerin werden. Zuerst der Weltkrieg und dann ein Sportunfall machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Nach Auftritten in Kneipen wurde der Rundfunk und eine Schallplattengesellschaft auf sie aufmerksam. Ihr Aufstieg als Schlagerstar begann mit der Platte Sieben Tage lang.




