Ausgerechnet! We have no bananas

Abgrundtiefe Lyrik

1923 Ausgerechet Yes we have no bananas
Yes! We have no bananas, holländische Ausabe, Den Haag 1923


There’s a fruit store on our street,
It’s run by a Greek.
And he keeps good things to eat,
But you should hear him speak
When you ask him anything,
He never answers no.
He just „yesses“ you to death,
And as he takes your dough he tells you.

Er ist schon ein komischer Kauz, dieser griechische Obsthändler, der niemals „Nein“ sagt, wenn man ihn etwas fragt. Statt dessen antwortet er immer positiv auf die Frage nach Bananen: „Yes! … We have no bananas“. Mit diesem Spruch hat er es zu Weltruhm gebracht. Und dann legt er im englischen Originaltext los und zählt auf, was er alles statt Bananen im Angebot hat.

Das muss man sich acht Strophen lang anhören, bis am Ende vom letzten Chorus die befreiende Beichte kommt: „Dieses Lied ist nicht schön„. Macht nichts. „Join in the chorus: Yes!, we have no bananas„.

Der Song von Frank Silver und Irving Cohn kam am 23. März 1923 heraus und wurde über Nacht zum Hit. Den Spruch Yes! We have no bananas hatte Silver wohl wirklich von einem griechischen Obsthändler aufgeschnappt. Er war so fasziniert von dem Mann, der jeden Satz mit „Yes“ begann, dass er beschloss, darüber einen Songtext zu schreiben. Cohn setzte den Slogan „Yes! We have no bananas“ am Anfang des Refrains musikalisch genial um. Das Motiv wirkt wie ein Signal, ist rhythmisch prägnant und es kommt einem sofort irgendwie bekannt vor.

1923 Ausgerechnet Yes We Notenausschnitt
1923 Ausgerechnet Yes We Notenausschnitt

Man kennt die Wendung mit drei Tönen (c-g-a-g) „Yes! we have no“ aus zahlreichen Kinderliedern, aber auch Händels „Halleluja“ lässt grüßen. Wenn man das achtmal hintereinander am Anfang und noch achtmal am Ende eines jeden Refrains gesungen bzw. gehört hat, dann kann man einen Ohrwurm kaum verhindern.

Die Herausgabe großer amerikanischer Schlager-Hits war in den 20er-Jahren für europäische Verleger ein wichtiges Geschäft. Dabei kam es auf Schnelligkeit an, um sich die Rechte zu sichern und entweder mit dem englischen Originaltext oder mit einer Übersetzung auf den Markt zu kommen. Gefragt waren Texter, die umgehend passende Texte in der Landessprache liefern konnten.

Im Inflationsjahr 1923 beauftragte der Gründer des Wiener Bohême-Verlages, Otto Hein, seinen produktivsten Schlagertexter, Fritz Löhner-Beda, einen deutschen Text zu Yes, we have no bananas zu schreiben. Beda verzichtete auf eine wörtliche Übersetzung des englischen Originaltextes. Seine „abgrundtiefe Lyrik“, wie er ein Jahr später selbstironisch anmerkte, hat nichts mehr mit Obsthandel zu tun. Es geht um die besonderen Wünsche einer Frau, die sich nicht mit Blumen vom Don Juan zufriedengeben will: Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir. Manche sahen darin eine gewisse Anzüglichkeit, die Beda mit seinen Texten immer wieder gerne bediente.

Auf jeden Fall war der deutsche Text von Beda schon ein ganz anderes Kaliber als das Original mit seinen endlosen Aufzählungen. Was Beda über Bananen, „dieses harmlos-dumme Obst“, zu dichten weiß, klingt dann so:

Ausgerechet Bananen Titel
Ausgerechet Bananen, Titelblatt Wiener Bohême-Verlag, Abb. aus Burda, Die ersten 50 Jahre des 20. Jahrhunderts, Bd. 1

Meier ist ein Don Juan,
und er weiß Bescheid,
mit den Blumen fängt man an
bei der Weiblichkeit!
Und er kauft in Occasion
einen Blütenstrauß,
doch im höchsten Grad belämmert
wandert er nach Haus.
Was sagt man?

Ausgerechnet Bananen,
Bananen verlangt sie von mir!
Sie tun nicht erfreuen
die schönsten Levkojen
und Rosen aus Glanzpapier.
Und nicht einmal ein Oleander
bringt uns zueinander.
Grad´, ausgerechnet Bananen,
Bananen verlangt sie von mir!

Endlich aber bringt er sie
doch zu sich bei Nacht.
Und sie flüstert: Je vous prie!
Meier sagt: Gemacht!
Aber wie er sich bemüht,
gar nichts ist ihr recht,
weil sie heute nichts Banales,
nur Bananes möchte.
Was sagt man?

1923 Yes we have non Bananas again Titel
Die Antwort aus den Niederlanden: Schlager We hebben weer Bananan!, Amsterdam 1923

Ausgerechnet Bananen,
Bananen verlangt sie von mir!
Was braucht man beim Küssen
von Obst was zu wissen,
Da ist doch nicht Zeit dafür!
Ich will die Welt liebend vergessen,
sie möchte´ dabei essen.
Grad´, ausgerechnet Bananen,
Bananen verlangt sie von mir!

Über den durchschlagenden Erfolg seiner Zeilen verwundert, sah sich Beda zu einer öffentlichen Erklärung in der Wiener Sonn- und Montagszeitung genötigt:

Anfangs schien es mir noch heiter,
aber jetzt – o bitt´re Pein!
Nein so geht es nicht mehr weiter!
Nein! Ich stampfe alles ein.
(…)
Hunderttausend Grammophone
und Klaviere ohne Zahl
klimpern, quietschen mir zum Hohne
den entsetzlichen Choral!
Was hab ich nur angestiftet!?!
Schaudernd steh ich vor der Schlucht!
O ich hab mich selbst vergiftet
an der eignen Geistesfrucht!
Konnt´ ich wissen, konnt´ ich ahnen,
daß die Welt ins Irre hopst
ausgerechnet durch Bananen,
dieses harmlos-dumme Obst!?!
(…)

Eine weitere Strophe von Beda zu Ausgerechnet Bananen ist in Band 6 des Albums Zu Tee und Tanz abgedruckt:

Meier macht in Obst en gros
und in Feingemüs´,
doch sein Herz brennt lichterloh

für die Frau von Süß.
Und er schickt ihr feinverpackt

Ananas und Keks,
doch sie hat ganz and´re Wünsche;

Meier ist perplex.
Was sagt man?
Ausgerechnet Bananen,

Bananen verlangt sie von mir.
Nicht Erbsen, nicht Bohnen,

auch keine Melonen,
das ist ein Schikan von ihr!
Ich hab Salat, Pflaumen und Spargel,

auch Olmützer Quargel.
Grad ausgerechnet Bananen,

Bananen verlangt sie von mir!

Und abschließend kommentiert der Dichter noch einmal sein Werk:

Dieses war mein tiefstes Sehnen:
Einmal nur ein Lied zu schreiben,
Das, getränkt mit Blut und Tränen,
Sollt im Volk lebendig bleiben –

Das die Mägde vor dem Bronnen
Summen, wenn die letzten Strahlen
sanft den Marktplatz übersonnen
Und die Wangen röter malen.

Das sogar die Direktoren
und die Arrestanten trällern –
Dieses Lied blieb ungeboren
In des Geistes Kelterkellern.

Und ich hängte meine Leier
An bewußte Trauerweiden,
Schrieb für Schulze und für Mayer;
Und den Horizont der beiden.

Horch, was hör ich an dem Bronnen
Summen, wenn die letzten Strahlen
Sanft den Marktplatz übersonnen?
Und die Wangen röter malen?

Horch was singen die Verliebten,
Kutscher Kinder, Schornsteinfeger?
Die Kabylen in Ägypten
Und im Palmenhain die Neger?!

Endlich, endlich ist´s gelungen!
Meine Muse, lorbeergierig,
Ist ins Herz der Welt gedrungen
Durch die abgrundtiefe Lyrik:
Ausgerechnet Bananen.


Billy Jones: Yes! We Have No Bananas

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