Das Zusammenspiel von auditiver und visueller Wahrnehmung ist ein spannendes Thema. Wir wissen, dass das Sehen das Hören und umgekehrt das Hören das Sehen beeinflusst. In der alltäglichen Kommunikation spielen bei Gesprächen nicht nur Sprachrhythmus, Betonungen und Tonhöhen eine Rolle. Genauso beeinflussen Gestik und Mimik, was man hört und wie man es versteht.

Als die ersten Filme Ende des 19. Jahrhunderts in die Kinos kamen, spielte sofort auch das Hören eine Rolle. Es klingt paradox, das Problem war, dass die Filme stumm waren. Weil der Ton fehlte, war die Stille in den dunklen Räumen nicht zu ertragen. die Stille in den war bei den ersten Filmvorführungen nicht zu ertragen. Deshalb wurde zu den laufenden Bildern Musik gemacht – improvisiert oder nach Noten gespielt. Zuerst waren es Einzelpersonen am Klavier, dann kamen kleine Ensembles zum Einsatz. In der Blütezeit des Stummfilms in den 20er-Jahren gab sogar Kinoorchester in der Stärke eines großen Sinfonieorchesters.
Für manche Filme wurden Auftragskompositionen vergeben. Ansonsten konnte man sich bei den Kinotheken bedienen, die passende Musik-Bausteine für alle möglichen Filmszenen anboten (siehe Beispiel Bohême Kinolexikon Nr. 17 – Galante Konversation, 1928). Außerdem gab es Versuche, Film und Schallplatte zu synchronisieren.
Die ersten Experimente mit dem sogenannten abstrakten Film wurden zu Beginn der Zwanziger Jahre durchgeführt. Man verzichtete auf Handlungen und Geschichten, konkrete Bilder oder Personen. Stattdessen rückten Formen und Farben in den Mittelpunkt. Dabei ging es auch immer um das Zusammenspiel von visueller und auditiver Wahrnehmung. Film wurde als Musik für die Augen begriffen.

Der erste öffentlich aufgeführte abstrakte Film war Walter Ruttmans Lichtspiel, Opus 1. Bei der Generalprobe am 1. April 1921 in einem Frankfurter Kino war auch der 20-jährige Oskar Fischinger anwesend, der bald darauf seine eigenen Versuche mit abstrakten Filmen startete. Er entwickelte verschiedene Verfahren zur Herstellung von Trickfilmen, u. a. mit einer Stop-Motion-Technik oder mit einer Wachsschneidemaschine.
Legendär wurden seine Werbefilme, die oft als die ersten Video-Clips bezeichnet werden. Wenn man das Glück hat, irgendwo seinen Film Muratti greift ein mit den marschierenden Zigaretten aufzutreiben, dann wird man die Faszination verstehen, mit der dieser Film 1934 aufgenommen wurde. Der Clip für Muratti-Zigaretten dauert 3 Minuten und ist synchronisiert zur Musik aus Die Puppenfee von Josef Bayer. Alles handgemacht, ohne Computertechnik.
Fischinger emigrierte 1936 in die USA und konnte dort auf Vermittlung von Ernst Lubitsch seine Arbeit bei Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) fortsetzen. In Hollywood entstand 1937 sein Optical Poem. Im Vorspann zum Film heißt es:
Musik ruft bei den meisten von uns bestimmte mentale Bilder von Form und Farbe hervor. Der Film, den Sie gleich sehen werden, ist ein neuartiges wissenschaftliches Experiment – sein Ziel ist es, diese mentalen Bilder in visueller Form darzustellen.
Sie können den Film einfach nur genießen. Wenn Sie mögen, lassen Sie sich auf ein kleines Experiment ein: Sehen Sie sich die abstrakten Bilder zunächst ohne Ton an, den Vorspann (bis 0:53) können Sie dabei überspringen. Bevor Sie sich danach den Film mit Ton ansehen, machen Sie eine Pause und lassen Sie die Bilder noch innerlich nachklingen.
Auch wenn das etwas Zeit kostet. Der Versuch lohnt sich.
Fischinger wählte für sein Optical Poem als Musik bewusst eine Rhapsodie aus, also eine freie Form mit vielen gegensätzlichen Teilen. Die 2. Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt hatte einen hohen Bekanntheitsgrad. Das Arrangement wurde vom MGM Studioorchester eingespielt.
Interessant ist ein Vergleich mit den optischen Effekten einer am Computer erzeugten Version von Liszts 2. Ungarischer Rhapsodie. Lassen Sie auch dieses Beispiel auf sich wirken, entstanden fast 90 Jahre nach Fischingers Poem.




