Im Oktober 1928 erschien in der Zeitschrift Gebrauchsgraphik. International Advertising ein Beitrag von R. L. Dupoy mit dem Titel: R. de Valério. Ein Tausendkünstler der Illustration.

Heute kennt kaum noch jemand den Begriff „Tausendkünstler“. Das war vor hundert Jahren anders. Zeitgleich mit dem Aufsatz kam 1928 sogar ein Tausendkünstler-Marsch (1) von Blankenburg heraus – ein Zufall, denn beide Ereignisse hatten nichts miteinander zu tun. Sie machen aber deutlich, dass der Begriff „Tausendkünstler“ in den 20er-Jahren anscheinend durchaus gebräuchlich war. Man verstand darunter einen vielseitig handwerklich versierten Künstler, der mit allen Eventualitäten spielend fertig wurde. Das konnte negativ wie positiv gemeint sein. Jemand, der meint alles zu können, kann nichts richtig. Oder er ist ein Teufelskerl, der mit allen Wassern gewaschen ist.
Auf dem Feld der Gebrauchsgrafik war Vielseitigkeit und Beherrschung unterschiedlicher Techniken ein uneingeschränktes Gütekriterium. Das Plakat, die Werbung oder das Notencover mussten Aufmerksamkeit erregen, sie sollten „gesehen und gelesen“ werden.
Einer der bedeutendsten und produktivsten Notentitelgestalter war der Franzose Roger Laviron, der unter seinem Künstlernamen Roger de Valério ab 1917 für den Musikverlag Salabert in Paris tätig war. Nach Auskunft des Autors Dupoy, der ihn persönlich kannte und mehrfach bei ihm in seinem Atelier war, lieferte Valério pro Woche zwei bis drei Entwürfe ab. 1928 sollen es bereits über 2500 Notentitel gewesen sein. Und das alles zusätzlich zu den zahlreichen Plakaten und Werbekampagnen für staatliche Stellen und große Firmen.

Dupoy lobt den Grafiker de Valério in den höchsten Tönen und bringt zahlreiche Beispiele für „die außerordentliche Mannigfaltigkeit der Phantasie und die sehr große Geschicklichkeit in der Anpassung“. Er belegt seine Bewertung mit ausgewählten Entwürfen, die auch in dem Zeitschriftenbeitrag abgedruckt sind. Leider sind die Abbildungen nicht farbig, wodurch ein wichtiger Aspekt der Meisterschaft de Valérios verloren geht.
Zum Einsatz von Farbe weist Dupoy darauf hin, dass aus Sparsamkeitsgründen in der Regel nur zwei Farben bei den Umschlagzeichnungen eingesetzt werden konnten, „ … und es ist nicht uninteressant, festzustellen, mit wie großer Behendigkeit de Valério es erreicht hat, diese sparsamen Mittel auszuwerten.“ Das Anpassungstalent de Valérios an den Charakter der Musikstücke lobt Dupoy als „bewunderungswürdig“.
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(1) Der Komponist des Tausendkünstler-Marsches, Hermann Ludwig von Blankenburg, gilt mit über 1200 Märschen als der deutsche Marschkönig. Ein Tausendkünstler der Musik war er allerdings, dazu ist sein Schaffen zu einseitig. Die Titel seiner Märsche sind austauschbar, dieser Marsch hätte auch jeden anderen Titel haben können.




